SPIEL Sachen : Recht auf Irrsinn und Unglück

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Wer dieser Tage brandneue Inszenierungstrends erleben will, findet sie nicht unbedingt im Theater. Waren wir bis dato etwa absolut überzeugt, in den stabilen Turmfrisuren der Herbert-Fritsch-Protagonisten den ultimativen Haar-Stil der Saison feiern zu dürfen, belehrt uns ausgerechnet die Fußball-EM jetzt eines Besseren. Nicht nur die anspruchsvoll asymmetrische, äußerst druck- und stoßanfällige Fönfrisur des Mario Gomez sitzt noch nach dem zehnten Kopfball so perfekt, dass die Model-Mutti Heidi Klum ihren Job als Werbegesicht des unverwüstlichen Drei-Wetter-Tafts sofort an den Stürmer weiterreichen sollte. Sondern auch dessen portugiesischer Kollege Cristiano Ronaldo scheint sein erklärtes Hobby „Sit-ups“ um die Freizeitbeschäftigung Hairstyling erweitert zu haben. Im Gegensatz zur deutschen Sturmspitze variiert Ronaldo (womit ja nun leider Schluss ist) seine Haartracht sogar von Spiel zu Spiel. So zeigt er sich in der Vorrunde gegen Deutschland als schmieriger Tango-Eintänzer und im Halbfinale gegen Spanien als Idealbesetzung für seifenopernaffine Bühnen-Romeos – Damit schlug er jeden professionellen Verwandlungsdarsteller aus dem Feld.

Die Liste ließe sich fortsetzen: Mit Ronaldos formvollendeter Breitbeinigkeit vor Freistößen könnte es bestenfalls Samuel Finzi – einer der begnadetsten Parodisten unserer liebsten Männlichkeitsrituale – aufnehmen; den dramatisch leidensverzerrten Gesichtsausdruck danach indes, der das eigene Vergeigen stets einer höheren Macht zuzuschreiben scheint, findet man allenfalls noch im Berliner Ensemble. Aber dass jedes K.O.- Spiel die Aristotelische Dramentheorie in puncto Suspense und Katharsis vorbildlicher erfüllt als Schiller, Shakespeare und Büchner zusammen, steht offenbar auch für die Theater selbst außer Frage. Die Peymann-Bühne gehört zu den wenigen, die am Sonntag – mit Horváth – selbstbewusst gegen das EM-Finale antreten. Nur das Theater unterm Dach feiert noch eine Parallel-Derniere: In den „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ nach Dostojewskij (Danziger Straße 101, 20 Uhr) verteidigt Wassilij das Recht auf Irrsinn und Unglück. Das immerhin können auch Fußballspieler gut gebrauchen.

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