SPIEL Sachen : Seppel auf dem Jahrmarkt

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Ferien und Sommerpause sind kein Grund, einen vollständigen Bildungsbreak einzulegen. Dieser Meinung scheint jedenfalls das Kinder- und Jugendtheater an der Parkaue zu sein – und hat völlig recht. Selten nämlich fielen Hirntätigkeit und Spaß derart genial zusammen wie bei dem Bühnenstück „Radau!“ (heute Freitag, 10 Uhr) für Theaterfans ab sieben. Hier bekommt man angewandte Medientheorie plus schwer infektiöse Spielfreude praktisch auf dem Silbertablett geliefert: Die Aufführung, die zu Recht für den Kinder- und Jugendtheaterpreis „Ikarus“ nominiert ist, geht auf Walter Benjamins erstes Hörspiel für Kinder und die einzige seiner Arbeiten für den Rundfunk überhaupt zurück, die als fragmentarisches Tondokument erhalten ist.

Radau reflektiert mit den Mitteln des Rundfunks das Medium selbst: Es handelt sich um eine aberwitzige Verfolgungsgeschichte, bei der Seppel – vom Rundfunkjournalisten Maulschmidt vors Mikro gezerrt und dort in strafrechtsrelevante Beschimpfungstiraden ausgebrochen – vor der Polizei flüchten muss. Unterwegs begegnen ihm sämtliche erdenkliche Radaubrüder, die das Universum zu bieten hat: Im Zoo brüllt der Löwe gegen eine Kinderhorde an, auf dem Jahrmarkt dröhnt Schießbudenlärm und jammert lauthals ein Chinese. Und im Grunde ist es nur folgerichtig, dass die Aufführung letztlich in einer gewaltigen Explosion kulminiert.

Natürlich scheint es auf den ersten Blick widersprüchlich, ein sich selbst reflektierendes Hörspiel auf eine Theaterbühne zu bringen. Der Regisseur Thomas Fiedler hat diese Herausforderung allerdings insofern kongenial bewältigt, als man den Akteurinnen und den Akteuren hier jederzeit beim Verfertigen der Geräusche zusehen kann: Nichts ist Illusion, sondern alles Arbeit und Material. Der Gestus der Vorlage wird so erhalten. Und es bleibt dabei: Selten hat Medientheorie einen derartigen Spaß gemacht.

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