SPIEL Sachen : Sitzfleisch und Knalleffekt

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Das Theaterjahr 2011 wird als eines der überdurchschnittlichen Sitzmuskelbeanspruchung in die Annalen eingehen. Kaum ein Abend zwischen Rostock und München, der die Zweieinhalbstundendauer unterschreitet. Usus ist eher der gepflegte Dreieinhalb- bis Vierstünder.

Nicolas Stemanns Hamburger „Faust“- Inszenierung in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen dauert einen ganzen gutbürgerlichen Arbeitstag. Und Vegard Vinges und Ida Müllers bemerkenswertes Ibsen-Spektakel „John Gabriel Borkman“ im Prater der Volksbühne sogar fast zwei.

Die gute Nachricht: In den genannten Fällen hat sich das Ausharren mehr als gelohnt. Die schlechte: Dieser Befund lässt sich leider nicht grenzenlos verallgemeinern. Man sah 2011 vergleichsweise wenige neue Impulse, dafür viel Gefälligkeitstheater: nicht direkt ärgerlich, aber beim ersten After-Show-Getränk fast schon wieder vergessen. Der typische Theaterliebhaber-Dialog anno 2011 geht so: „Wie war’s denn gestern?“ – „Ganz okay.“ „Soll ich’s auch schauen?“ – „Neiiiin!!!“

Was wird sich nun im neuen Theaterjahr tun? Zumindest einen Standardvorwurf wollen sich die Berliner Bühnen anno 2012 offenbar nicht machen lassen: den der Nabelschau. Das Kinder- und Jugendtheater an der Parkaue bringt sogar schon am morgigen Silvesterabend eine programmatische Premiere heraus: Der Regisseur und Bühnenbildner Thomas Fiedler geht gemeinsam mit dem Musiker Anton Berman auf faustische Suche, was die Welt im Innersten zusammenhält, und inszeniert seine eigene Fassung von Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde (31.12., 18 Uhr, 4./5.1., 10 Uhr). Das Künstler-Duo, das für seine Parkauen-Inszenierung „Radau!“ nach Walter Benjamin mit dem Ikarus-Preis für die beste Kindertheaterinszenierung 2011 ausgezeichnet worden war, macht aus dem 1864 erschienenen Roman eine „Wissens- und Wissenschaftsrevue“ für Nachwuchszuschauer ab neun, in der es nicht nur jahreszeitgemäß, sondern sogar sinnvoll „dampft, blitzt, knallt und donnert“: Die Schauspieler konfrontieren sich „auf engstem Raum mit den Elementen“.

Wenn das tatsächlich eine programmatische Ansage für 2012 ist, werden wir das Glas morgen Abend schon mal vorfreudig auf das neue Theaterjahr erheben.

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