SPIEL Sachen : Sprechende Mülltonnen

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Eine wesentliche Erkenntnis des vergangenen Theaterjahrzehnts lautet: Die wirklichkeitsbewusste Bühnenkunst macht vor keiner Alters-, Berufs- oder anderweitigen Splittergruppe halt. Wir sahen – unter anderem – Oberbürgermeisterkandidaten, Astrologinnen, Gefängnisinsassen, Sexarbeiterinnen oder Pleitiers jedweder Couleur auf den Brettern. Besonders in Mode kam zuletzt das dramatische Kind: etwa in Gob Squads toller Performance „Before your very Eyes“, die Acht- bis Zwölfjährige scheinbar im Schnelldurchlauf altern lässt. Angestammte Avantgarde-Häuser wie die Volksbühne gingen sogar über die menschliche Gattung hinaus und bereicherten Frank Castorfs Kleist-Inszenierung „Die Marquise von O ...“ mit einem Tiertrio aus Hund, Huhn und Pferd.

Kein Wunder, dass Theatergruppen derzeit fieberhaft nach neuen, unverbrauchten „Randgruppen“ suchen. Turbo Pascal haben jetzt eine gefunden: „Wenn die Roboter in immer mehr Arbeitsbereiche vordringen wie momentan in den Dienstleistungs- und Servicesektor, wird es dann auch irgendwann Roboter im Kunstsektor geben?“, hat sich das Trio Frank Oberhäußer, Veit Merkle und Eva Plischke gefragt. Nun folgt der Modellversuch in den Sophiensälen: Unter dem Motto „Roboterträume“ (12.-14. Juli, 20 Uhr) probt die Gruppe das häusliche Zusammenleben mit den künstlichen Kollegen in einer Art WG. Dass es sich dabei – eine Budgetfrage – eher um „Roboter für Arme“ handelt als um die aus der Science-Fiction-Welt bekannten Artgenossen, sollte das Experiment nicht stören: Die Interaktionsübungen, um die es der 2004 in Hildesheim gegründeten Truppe in ihrem Sitcom-Format geht, lassen sich mit den nunmehr auftretenden „sprechenden Mülltonnen“ bestens durchführen.

Bei allem formalen Trash ist es Turbo Pascal mit ihrer Grundfrage absolut ernst: „Wie sieht es aus, wenn Roboter Teil des Alltags und des Privatlebens werden?“ Eignen sie sich, mit anderen Worten, als Lebenspartner? Wir freuen uns auf neue Perspektiven; künstlerisch wie privat!

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