SPIEL Sachen : Thüringen leuchtet

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So beherzt werden die Genres im Theater selten gemixt: Fall Out Girl, eine Theaterkreation der Gruppe Mass & Fieber Ost unter der Regie von Niklaus Helbling, schert sich nicht um die erstaunlich intakten Grenzen zwischen Hoch- und Unterhaltungskultur. Die Protagonistin der „radioaktiven Roadshow“, wie das Stück von Brigitte Helbling im Untertitel heißt, ist sich sicher, Mary Jane Watson zu sein – die Frau des verschwundenen Peter Parker alias Spiderman. Und der Kompagnon, mit dem das „Fall Out Girl“ alsbald durch die – und das gibt dem Ganzen noch eine Wendung – Thüringer Lande zieht, brilliert mit einem Herman-Melville-Hintergrund: Er heißt Bartleby, verdient sein Geld als kauziger Comic-Händler in – natürlich – Thüringen und wäre lieber auf seinem Berg geblieben als mit der verstrahlten jungen Frau Spinnenmänner zu suchen. Schließlich verehrt man Bartleby nicht umsonst für sein charmantes Verweigerungsdiktum: „Ich möchte lieber nicht.“

Aber immerhin hat die vermeintliche Gattenrecherche ja einen ernsten Hintergrund. Der Hero Spiderman wird dringend zur Weltrettung auf einem Planeten benötigt, der sich durch atomare Abfälle immer weiter selbst verseucht. Denn bald schon landen Fall Out Girl und der schrullige Bartleby im Kyffhäuser-Gebirge, das als Atommüllendlager dient. Dass sie den Gesuchten dort in einer derart denkwürdigen Schrumpfform vorfinden, dass er problemlos in ein Marmeladenglas passt, ist allerdings nicht zwingend relevanter als die Auseinandersetzungen mit Donald Duck, Orson Welles oder Marie Curie, die das seltsame Reisepaar unterwegs führt – gern mittels Videotechnik.

Das Projekt „Fall Out Girl“ – eine Koproduktion von Mass & Fieber Ost mit Stadt- bzw. Staatstheatern wie auch Institutionen der freien Szene, die im März am Theaterhaus Jena herauskam – wurde mit dem Thüringer Theaterpreis 2012 ausgezeichnet. Der Jury gefiel dabei nicht nur das dramaturgisch plausible Cross-over aus Musik, Video- und Livespiel, sondern auch der „hohe Grad spielerischer Experimente“ und „die außerordentliche Präsenz“ der beiden Darsteller Antonia Labs und Johannes Geißer. Denn der Abend kommt tatsächlich mit nur zwei leibhaftigen Bühnenakteuren aus. Wenn das viel gepriesene Werk jetzt im Ballhaus Ost läuft (22.–25. November, 20 Uhr), können sich auch die Berliner Theatergänger ein Bild davon machen, wie frisch der Wind aus Thüringen tatsächlich weht.

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