SPIEL Sachen : Traum und Trip

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Die Saisonauftakt-Premieren sind gelaufen – und die inhaltlichen Felder, dem sich die Theater in den kommenden Monaten zu widmen gedenken, entsprechend abgesteckt. Da wären etwa der Berliner Wahlkampf und seine Folgen (Maxim Gorki Theater), suizidale Dreiecksbeziehungen im gediegenen Gründerzeit-Mobiliar (Volksbühne), hippe Menschen in neobürgerlicher Berlin- Mitte-Leere sowie omnipräsente Korruption, Amtsmissbrauch und darniederliegende Moral (Schaubühne) oder aber alarmierendes radikalliberales Gedankengut im gebotenen Trash-Format (DT-Kammerspiele). Zumindest auf dem Papier hätten wir also flächendeckend Stoff, um den Synapsenbetrieb auf Hochtouren zu bringen.

Dem dramatischen intellektuellen Anspruch mag natürlich auch die freie Szene in nichts nachstehen. Allerdings gehen Jost von Harleßem und Falk Rößler im Theaterdiscounter zwecks geistiger Entgrenzung einen kleinen Umweg: Sie wollen die Hirndurchlüftung geografisch, nämlich mit Fernreise-Träumen befeuern. „Zehn spannende Reiseziele, die einfacher zu erreichen sind, als Sie glauben“ (heute und So., 20 Uhr) heißt ihre entsprechende „theatrale Soundperformance“.

Davon, dass dieser Abend zunächst ein bisschen nach Frauenzeitschriftserbauung oder Pauschaltourismus-Katalog klingt und zudem von weithin bekannten ernüchternden Befunden ausgeht – „die Welt ist entdeckt, die Fernen sind erschlossen“, und die Spezies unterliege dem „Fluch, entdecken dürfen zu müssen, wo es nichts mehr zu entdecken gibt“ – sollte man sich nicht abschrecken lassen. Die Macher versprechen einen konstruktiven, also larmoyanzfreien Erste-Hilfe-Kurs für entgrenzungswillige, im Alltag festhockende Gemüter. Sie nehmen das Setting des Reisevortrags zum Ausgangspunkt für eine Art Kopf-Trip und führen es mit dem Genre des Live-Radio-Features zusammen – wofür sie nicht mehr als einen Tisch, eine Leinwand, zwei Telefone, eine Kiste mit Knöpfen, ein Klavier, einen Koffer, eine Dose, eine Flöte und eine Schreibmaschine brauchen. Sowie „zwei Performer, die sich ernsthaft fragen, was es noch zu finden gibt“. Ein weiser Anspruch. In jedem Theater und jeder Lebenslage.

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