SPIEL Sachen : Von der Couch aufs Glatteis

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Wirklichkeitsforschung und Authentizitätsbehauptungen sind ja schwer en vogue im Theater. Der Lebenswelt außerhalb des Probenraums zumindest nahezukommen versuchen so gut wie alle Häuser – egal, ob sie mit Shakespeares „Richard III.“ Macht- und Aufstiegsstrukturen oder mit dokumentarischem Material die Finanzkrise beleuchten wollen. Der Theaterdiscounter veranstaltet unter dem Motto „Trying to be real“ sogar eine ganze internationale Performance-Reihe, die sich als Plattform versteht, „persönliche Lebenswirklichkeit auf Politisches und Grundsätzliches zu befragen“.

In der fünften Folge spüren Katrin Haneder und Sebastian Sommerfeld jetzt unter dem schönen Titel Pink Freud (17./18.4., 20 Uhr) dem Krankheitsbild der Depression nach. Dafür, dass man hier tatsächlich über Wikipedia hinausgehende Einsichten zum Sujet gewinnen könnte, spricht zum einen, dass das Performer- Duo sich auf eigens geführte Interviews mit Teilnehmern einer Berliner Selbsthilfegruppe stützt. Zum anderen bringt Sebastian Sommerfeld, Mediziner und ehemaliger Klinikarzt in psychiatrischen Abteilungen, auch Fachkenntnisse in puncto Depression, Burn-out und Selbstentfremdung mit, die anderen theatralen Versuchen bisweilen schmerzlich fehlen.

Eine ganz andere Form der Grenzerfahrung untersucht im Ballhaus Ost die Gruppe Vorschlag:Hammer. Sie nimmt die Österreichisch-Ungarische Nordpolexpedition (13./14.4., 20 Uhr) aus dem Jahr 1872 zum Anlass, grundsätzlich über die „Entdeckersituation zwischen Abenteuer, erhabener Natur, Langeweile und imperialistischem Wettkampf“ nachzudenken. Als Textgrundlage kommen Briefe, Tagebucheintragungen und nautische Tabellen zum Einsatz; in der Darstellung wollen Vorschlag:Hammer „zwischen dem Nachstellen physischer Grenzerfahrung und effekthascherischem Bühnenzauber“ vor allem den Selbstversuch wagen, sich „aufs Glatteis bedingter Kontrollierbarkeit“ zu begeben. Viel realer geht’s nicht.

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