SPIEL Sachen : Von Hockern und Qualmern

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Friedrich Nietzsche war offenbar nicht der Einzige, der Fjodor M. Dostojewkskijs „Aufzeichnungen aus einem Kellerloch“ für einen „wahren Geniestreich“ hielt. Auch der Volksbühnen-Chef Frank Castorf hat seine jüngste Dostojewskij-Romanadaption „Der Spieler“ großzügig mit Passagen aus der 1864 erschienenen Erzählung angereichert.

Und jetzt hat der verbitterte, kranke, egomanische Kellerloch-Antiheld, der selbstredend über einen hohen IQ verfügt, auch die Regisseurin Ingrun Aran zu einem außergewöhnlichen Dostojewskij-Trip animiert. Im Theater unterm Dach im Prenzlauer Berg (Danziger Straße 101) holt sie den fast 150-jährigen Räsonierer unter dem Motto „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ (9. bis 11. November, 20 Uhr) gemeinsam mit den Darstellern Iljá Pletner und Iris Boss in die Gegenwart.

Der Kellerloch-Hocker, der sich in seinem Refugium strikt gegen die Oberhand der Vernunft und andere Zumutungen der Außenwelt wehrt, wird in Inka Bachs Aktualisierung nicht schlichtweg zum hochmodernen „Stadtneurotiker“, sondern auch zum „morbiden Internetsüchtigen“. Videowände zieren seine Bude. Nur per Internet steht dieser Untergrund-Typ noch in Kontakt zur Außenwelt. Seine furiose Ansprache ans Publikum, die das Recht auf Irrsinn und Unglück feiert, hält er in Iljá Pletners Darstellung lässig auf Deutsch, Englisch und Russisch.

Von ganz anderem Kaliber als dieser Untergründler ist der Personenkreis aus der Produktion „Bei Einbruch der Nacht“, die das Leipziger TheaterschaffT im Theaterdiscounter zeigt (10. bis 12. November, 20 Uhr). Der Regisseur Stefan Ebeling und die Choreografin Ulrike Schauer lassen die alten Bewohner eines Fischerdorfes auf ein zwar hartes, aber ausdrücklich erfülltes Leben zurückblicken. Einer stellt eines Morgens fest, dass ihm seine Zigarette plötzlich nicht mehr schmeckt. Und siehe da: Ab diesem Moment nimmt das Leben eine überraschende Wendung.

So gesehen könnte dieser Theaterabend nicht für freie Bühnenliebhaber von Interesse sein, sondern sich auch – je nachdem, wie erstrebenswert die „überraschende Wendung“ ausfällt – als hoch wirksame Raucherentwöhnungstherapie entpuppen. Selbst, wenn das TheaterschaffT vorsorglich warnt, dass man hier nicht in jedem Falle sicher sein kann, auch tatsächlich das zu sehen, „was man zu sehen glaubt“.

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