SPIEL Sachen : Wikipedia jetzt auch im Theater

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Das Weihnachtsmärchen ist ja im Theater eine feste Institution. Zu Ostern hingegen sieht es zumindest in Berlin mit vergleichbaren Traditionen dünn aus. Das Angebot zum Karfreitag könnte themen- unspezifischer kaum sein: Im Berliner Ensemble kommt Claus Peymann den Osterspaziergängern mit Brecht´schen Lehrstück-Lektionen à la „Mutter Courage und ihre Kinder“ (22.30 Uhr). In der Schaubühne leiden gleich zwei Frauen variantenreich vor sich hin – nämlich das zu Höherem berufene „Fräulein Julie“ (20 Uhr) und die Köchin Kristin. Und im Deutschen Theater läuft neben Jürgen Goschs großartiger, längst ausverkaufter Tschechow-Arbeit „Die Möwe“ (18 Uhr) auf der großen Bühne in den Kammerspielen Nikolai Gogols „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ (21 Uhr): Ein Theatersolo, in dem Samuel Finzi als Beamtenwürstchen vom sozialen Aufstieg träumt.

Ein veritables „Osterfestival“ jedenfalls hat lediglich das Maxim-Gorki-Theater zu bieten. Eines für passionierte Trendscouts: Unter dem durchaus feiertagsaffinen Motto „Peace, Love & Harmony“ laden die Studierenden bühnenorientierter Kunsthochschulen von Rostock bis München zum vierten Mal zu einer österlichen Werkschau. In 22 Vorstellungen bekommt das Publikum (23. u. 24. 4. ab 15 Uhr) die Chance, die Bühnenkunst von morgen aufzuspüren. Ein neuer Trend könnte zum Beispiel in Gestalt des Wikipedia-Theaters auf uns zurollen. Die Hochschule für Musik und Theater Rostock greift in dem Monolog „Ich glaube, es waren vier oder Die Vergewaltigung“ (Sa., 22.30 Uhr) unter anderem auf das Online-Lexikon zurück. Wer da seine Theorie-Felle wegschwimmen sieht, kann sich in „31–33 Stimmen“ (Sa 21 Uhr) vom Hildesheimer Institut für Medien und Theater trösten. Tadellos metaebenensicher untersuchen dort fünf Performerinnen ausgiebig das Phänomen Stimme. Notorischen Schwarzsehern und Bildungskanonisten nimmt die Berliner Ernst-Busch-Schule den Wind aus den Missmutssegeln: Die Abteilung Puppenspiel beweist mit „Der Automat“ (Sa, 20.15 Uhr), dass auch nachfolgende Generationen, Wikipedia hin oder her, literaturhistorisch noch einigermaßen sattelfest sind, und liefert eine Bühnenversion von E. T. A. Hoffmanns „Sandmann“.

Dass man beim Osterfestival des Theaternachwuchses Entdeckungen machen kann, steht außer Frage. Die Klasse des „Ernst-Busch“-Absolventen Antú Romero Nunes etwa, der erfolgreich an Bühnen von Berlin bis Hamburg inszeniert und im Gorki Anfang Mai eine Adaption von Luchino Viscontis „Rocco und seine Brüder“ herausbringt, hätte man hier bereits vor drei Jahren bestaunen können.

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