SPIEL Sachen : Wir backen uns einen Prinzen

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Pünktlich zum ersten Advent holen die Theater Goldstaub, Engelsflügel und Ganzkörper-Rentierkostüme aus dem Fundus. Schließlich eignet sich keine Jahreszeit besser, um weitsichtig mild gestimmten Zuschauernachwuchs zu akquirieren. Allerdings stellen die Kinder an die Bühnenkunst einige Ansprüche – dies hat vor allem die Dramaturgieabteilung des Maxim Gorki Theaters in weiser Voraussicht aufgespürt. Die vierte Wand zum Beispiel – eine imaginäre Mauer zwischen Podium und Parkett – ist für den modernen Erst- bis Viertklässler völlig out. Das zeitgemäße demokratische Kind will mitbacken, mitmischen, mitbestimmen. Und es mag den Charme des Improvisierten. Also sitzt man an den drei Dezembersonntagen, an denen das Gorki unter dem Motto Sternstunden in szenischen Lesungen Weihnachtsstimmung in seine Studiobühne holt, nicht steif im Parkett, sondern lässt sich auf gemütlichen Sitzkissen und Matratzen mitten im Geschehen nieder. Und die ein bis drei Schauspieler, die hier jede noch so personalintensive Textvorlage im Alleingang schultern, zählen bei der Suche nach der Idealrezeptur für die Adventsbackwerke fest aufs clevere Publikum. Schließlich ist das Backen nicht nur zentraler Bestandteil jedes gelungenen Adventsnachmittags, sondern auch eine Art Generalmetapher für die Gorki-„Sternstunden“ schlechthin: Das Szenario besteht aus einem riesigen Backofen mit vielen geheimnisvollen Fensterchen und Türchen, aus dem – ähnlich wie bei einem Adventskalender – lauter interessante Kleinode zutage treten. In der ersten „Sternstunde“ (4.12., 16 Uhr), wenn eine Adaption des tschechischen Kult- Märchenfilms Drei Haselnüsse für Aschenbrödel auf dem Programm steht, könnte sogar ein ansehnlicher Prinz aus einer Backofenluke aufs Szenario schneien.

Während das Gorki mit Astrid Lindgrens Geschichte Guck Madita, es schneit (11.12., 16 Uhr) sowie Gunhild Sehlins Marias kleiner Esel (18.12., 16 Uhr) den engen Adventsmärchen-Kanon ausweitet, hält die mittlerweile schon traditionelle Märchenhütte am Monbijouplatz – die Winterspielstätte des Hexenkessel Hoftheaters – den Gebrüdern Grimm die Treue. Jeweils drei märchenhafte Doppelschläge in wechselnden Konstellationen können Kinder allein am ersten Adventswochenende dort erleben (Sa/So 26./27.11., 14, 15.30 u. 17 Uhr). Der Samstags-Auftakt ist dabei zwei besonders hartnäckigen Genre-Kreaturen vorbehalten: Im Froschkönig klagt das titelgebende hohe Monarchen-Tier ein, was eine gedankenlose Prinzessin ihm in ihrer Not versprochen hatte: Tisch und Bett mit ihm zu teilen. Und das pyromanische Rumpelstilzchen will ja bekanntlich auch nicht von dem Adoptionsvertrag zurücktreten, den er einer verzweifelten Müllerstochter abgepresst hatte – bevor die mit seiner Hilfe zur First Lady aufgestiegen ist. Kurz: Nicht nur an Punsch und Plätzchen, sondern auch an Identifikationspotenzial herrscht an den Theaterbühnen kein Mangel.

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