Spielzeit Europa : Rauch ohne Feuer

Russische Zeiten: Andrea Breths "Verbrechen und Strafe“ bei der Spielzeit Europa in Berlin.

Rüdiger Schaper
244838_0_04581ee4.jpeg
Der Moment der Wahrheit. Jens Harzer und Udo Samel. Foto: Bernd Uhlig/Berliner Festspiele

Und wo bleibt nachher die Belohnung, das Gefühl von Befreiung, wenigstens ein Moment des Enthobenseins oder der heilvollen Verwirrung? Was folgt überhaupt aus diesen fünf Stunden im Berliner Festspielhaus, wenn man denn ausharrt bis zum letzten Bild?

Andrea Breths monumentale Romanadaption zeigt das ganze Dilemma unseres Theaters. Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ von den Salzburger Festspielen: Endlich also ein großer Entwurf und nicht schon wieder das ewige Maxim- Gorki-Schaubühnen-Kleinklein! Endlich einmal nicht die handelsübliche Verabreichung von Leben und Literatur in 90-Minuten-Fernsehfilmlänge!

So viele Bühnen haben sich in Miniaturen eingerichtet und verzichten viel zu leicht und bereitwillig auf das Drama. Die No-Drama-Obama-Generation hat im Theater seit Jahren schon das Sagen. Aber was für die Weltpolitik gut ist, schadet der Kunst. Einen der letzten aufwühlenden Großversuche gab es 2005 an der Volksbühne, als Frank Castorf – siehe da! – mit eben jener Mordsgeschichte des Studenten Raskolnikow das Haus auf den Kopf stellte. Es war damals zugleich Castorfs letzte ausufernde Dostojewski-Expedition, das Ende einer grandiosen Serie – und des Volksbühnen-Zeitalters.

Im Theater kann man sich nichts zurückwünschen. Auch nicht die Ästhetik einer Andrea Breth. Ihre Inszenierung wirkt wie von einem anderen Stern. Da ist etwas erloschen, und zwar auf beiden Seiten: die Castorf’sche Hysterie ebenso wie die Psychologie der Breth.

Franz Kafkas Bemerkung über Bücher, die „eine Axt“ sein müssen „für das gefrorene Meer in uns“ – wo passt sie besser als im Fall des schäbigen Übermenschen Raskolnikow. Aber Andrea Breth und ihr Bühnenbildner Erich Wonder legen nichts frei, sie verschleiern. Stellen sorgfältigst arrangierte, klischeehafte Bilder von der russischen Seele aus, wie man sie von den – ebenso großformatigen – Genregemälden eines Ilja Repin kennt. Der Gesamteindruck ist museal.

Es gehört zu den unangenehmsten Dingen, die man von einem Theaterabend sagen kann: dass die Gedanken ständig in die Ferne schweifen, zu anderen Aufführungen. Jens Harzer zum Beispiel, Breths Raskolnikow. Eine tragisch-lächerliche Figur, wie er da mit der Axt umherwandert und sich abkapselt von seiner beflissenen Umwelt. Wie ein Hamlet, der nicht sterben kann. Jaja, der Rest ist Schweigen: ein langes, beredtes, virtuoses Jens-Harzer-Schweigen, manchmal unterbrochen von jähen, aber kurzen Temperamentsaufwallungen und kindlich-verwöhntem Genöle. Verflucht auch, wie soll man sich in diesen langen, dunklen Stunden nicht erinnern an seinen Landarzt in Jürgen Goschs „Onkel Wanja“ am Deutschen Theater!

Einmal nur reißt der Schleier. Wenn der Ermittlungsrichter den Axtmörder mit messerscharfen Foltersätzen in die Enge treibt. Vor gut zwanzig Jahren, und auch das kommt einem in den Sinn, hat Udo Samel schon einmal den Porfirij gespielt, in Andrzej Wajdas Schaubühnen- Kammerspiel, das damals, als es Swetlana Geiers Neuübersetzung noch nicht gab, den alten Titel „Schuld und Sühne“ trug. Wie Samel und Harzer hier einander umkreisen, bekommt das ewige Seelen eis ernsthafte Risse, und man hört zu. Gibt die quälende Distanz auf. Geht mit. Dostojewskis Roman ist der Struktur nach eben auch eine (schwer beladene) Kriminalgeschichte, und Samel ist gar nicht genug zu danken, dass er daran erinnert. Aber dann übertreiben sie schon wieder, kaum dass einmal ein Erzählfluss entsteht. Vor allem Sven-Eric Bechtolf als Schwerenöter Swidrigailow und Wolfgang Michael als Hofrat bzw. Polizeivorsteher: Burgtheater-Edelchargen.

Breths Panorama finsterer, verwunschener Räume mit a priori verurteilten Figuren zerfällt grob in zwei Teile. Der erste schlägt ein szenisches Stakkato an. Ins Publikum gerichtete Scheinwerfer blaffen im Minutentakt, wie Brandbomben. Und nachher, im weitaus längeren und ermüdenden zweiten Teil werden die Konflikte auch wieder nur mehr dargestellt als ausgetragen. Sonja (Birte Schnöink), die Prostituierte, geistert wie eine vergessene Heilige im Hintergrund. Raskolnikow lässt sich von ihr nicht retten. Ein junger Mensch ohne jedes Gefühl, ohne jede Perspektive (wenn das nicht auch ein Klischee wäre!), leer wie die Eimer, mit denen er (in der sibirischen Verbannung?) seine sinnlose Strafarbeit verrichtet. Auch die Religion verfängt nicht mehr. Der orthodoxe Choral am Ende klingt wie Hohn.

Eine Inszenierung wie ein langer, dunkler Tunnel – und kein Licht. Nimmt man dieses allerletzte Bild auf, so muss man sagen: Da hat sich jemand in großem Stil verrannt. Weit hinten am Horizont leuchten die Umrisse eines Pferdes auf. Ein apokalyptisches Tier?

Andrea Breth, so flüstern die schon nach zwei, drei Stunden erschöpften Lebensgeister, malt Barbarei an die Wand. Als stehe der Welt ein russisch-depressives Raskolnikow-Zeitalter bevor, das keine Empathie kennt und keinen Grund braucht für Grausamkeit. „Verbrechen und Strafe“ ist eine Mussorgskij-Oper ohne Musik. Und mit einem schrecklichen Schönheitsfehler. Dieses Theater verweist immer nur auf sich selbst. Auf seine stumpfen Waffen, seine verbrauchten Mittel. So viel Rauch steigt auf, und kein Feuer brennt.

Noch einmal heute um 18 Uhr und am Sonntag um 17 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben