Kultur : Spielzeug-Attacken

NICOLA KUHN

"Im Westen nichts Neues" prangt als Schriftzug an den Fenstern des Neuen Aachener Kunstvereins.Der lakonische Titel von Erich Maria Remarques Kriegsroman hat auch für das neueste Projekt des kleinen, ambitionierten Ausstellungsortes im Dreiländereck Deutschland-Belgien-Holland seine Richtigkeit: Nachdem der Hamburger Künstler Jonathan Meese im vergangenen Sommer und Herbst in Berlin bei "Contemporary Fine Arts" und auf der Berlin-Biennale mit seinem wuchernden Rauminstallationen auf sich aufmerksam gemacht hatte und seine überladenen Revival-Inszenierungen der Seventies-Popkultur einer ganzen Kunstrichtung die Bezeichnung "Kinderzimmerkunst" eingebracht hatte, ist er nun mit seinen Requisiten gen Westen gezogen, nicht weit entfernt vom Schauplatz des Remarque-Romans: in die Nähe Flanderns.

Tatsächlich nimmt Meese die tragische Stimmung auch in seinem neuesten Werk auf.Die spielerische Unschuld seiner früheren Inszenierungen ist vorüber, als er noch für den Fotografen mit Plastikschwert und Seeräuberhut kokett zwischen Perlenkettenvorhängen posierte, während im Hintergrund "Caligula" über den Bildschirm flimmerte, Poster von Popstars und Filmschauspielern die Wände schmückten.Seine überladenen Kultstätten jugendlicher Phantasien, die das Publikum abwechselnd schmunzelnd oder verärgert auf hölzernen Stegen erkundete, hat sich gewandelt in ein katakombenartiges Szenario das zwischen Kriegsschauplatz und Totenhöhle angesiedelt ist.

Tarnstoffe der Armee hängen in Fetzen von der Decke, Bambusstöcke umgeben eine gipserne Grabstätte, religiöse Requisiten wie Kreuze oder Kopien von Händen mit Stigmata pflastern den Raum."Die Toten und die Nackten" steht immer mal wieder kryptisch an die Wand geschrieben, daneben die Namenszüge von Gottheiten und Größen der Geschichte.Mittendrin haben Figuren mit alten Armeehelmen Aufstellung genommen, die Meese auf belgischen Flohmärkten entdeckte, ausgestattet mit Spielzeuggewehren.

Ganz offensichtlich wagt Meese, der mit seinen Berliner Inszenierungen ein ebenso amüsiertes wie irritiertes Publikum zurückließ, in Aachen einen Schritt in die Ernsthaftigkeit, von dem man allerdings noch nicht recht sagen kann, ob es die Sache wirklich besser macht.Der Schüler des Hamburger Bildhauers Franz Erhard Walter schafft mit seiner wuchernden Phantasie starke Räume, doch hinterlassen sie trotz kulturhistorischer gewichtiger Zitate und christlicher Symbolik eine Leere.Denn entkleidet man sie all ihrer liebenswerten Verworrenheiten, so bleibt weder die obsessive Aura der Räume Anna Oppermanns noch die rätselhafte Mystik einer Tomoko Takahashi, sondern doch wieder nur der Ausbau des Jugendzimmers, die Fortsetzung der Trashkultur.Und das ist auch für den Westen zu wenig Neues.

Neuer Aachener Kunstverein, Aachen, bis 7.März.

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