Spike Lee : Inseln des Irrsinns

Spike Lee hat ein US-Remake des koreanischen Kultthrillers „Oldboy“ gedreht. Es geht wieder um Rache, aber diesmal ist viel mehr Psychologie im Spiel. Die Hauptrolle spielt Josh Brolin.

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Joe aus der Kiste. Die Szene auf der Wiese, hier mit Josh Brolin, ist schon in Park Chan-wooks Original von 2003 ein Schlüsselmoment. Foto: Universal
Joe aus der Kiste. Die Szene auf der Wiese, hier mit Josh Brolin, ist schon in Park Chan-wooks Original von 2003 ein...Foto: Universal

Vor zehn Jahren schockte Park Chan-wook mit „Oldboy“. Heute gehört das groteske Rachedrama aus Südkorea zum Kanon des Arthousekinos, verehrt und verachtet auf der ganzen Welt. Warum lässt sich nun ausgerechnet Spike Lee („Malcolm X“) auf ein Remake ein?

Es gibt eine Schlüsselszene im neuen wie im alten „Oldboy“, die ahnen lässt, was Lee wohl vorhatte. Ein Mann, von Unbekannten entführt und in ein fensterloses Zimmer gesperrt, wird nach zwanzig Jahren unversehens freigelassen. Im Original setzt man ihn in einer Kiste auf einer Wiese aus; die Wiese entpuppt sich als das Dach eines Hochhauses. Dort trifft nun der, dem gerade das Leben neu geschenkt wurde, auf einen, der seines gerade wegwirft. Auch bei Spike Lee schält sich Joe Doucett (Josh Brolin) aus einer Kiste. Die Wiese aber ist einfach nur eine Wiese.

Auf den ersten Blick folgt Spike Lee dem Original fast Szene für Szene. Dabei gibt er sich mit Autor Mark Protosevich („I am Legend“) alle Mühe, die Handlung neu zu interpretieren und ihr die Geradlinigkeit eines amerikanischen Thrillers zu verleihen. Wie so oft, wenn sich Hollywood asiatische Filme vornimmt, führt das zu einer Zähmung des Stoffs. Denn eine wichtige Regel lautet: Alles muss begründbar sein. Kaum eine Handlung, kaum eine Beziehung ohne psychologische Motive.

In beiden „Oldboy“-Versionen trifft der Held nach seiner Freilassung auf eine junge Frau, die ihm bei seiner Rache hilft, obwohl sie nichts über ihn weiß. Im Original bleiben die beiden einfach beieinander, wie vom Schicksal zueinandergespült. Bei Spike Lee dagegen erfährt man: Marie (Elizabeth Olsen) musste Schlimmes durchmachen. Jetzt hat sie ein Helfersyndrom. Lee führt sogar eine Figur ein, die keine andere Funktion hat, als dem Zuschauer diese Info zu übermitteln.

Wenn aber alles erklärbar ist, verschwindet auch der Schrecken. Nicht das unbegreifliche Wirken des Bösen, die tierische Natur des Menschen oder der blinde Zufall treiben die Figuren voran. Alles ist nur eine Prüfung, alles ist therapierbar. Deshalb geht auch kaum etwas ohne Läuterung: Jeder Held, und sei er noch so zerrissen, findet Ruhe. Der amerikanische Oldboy fängt schon in Gefangenschaft an, ein besserer Mensch zu werden, am Ende zeigt er sich fast nobel. So wird die Kollision zügelloser Rachegeister zum Beiwerk in der Entwicklungsgeschichte eines Mannes, der nicht weiß, wie ihm geschieht – und dabei verschwindet die unverdauliche Komplexität des Originals. Nach „Oldboy“ 2003 war man ausgelaugt. „Oldboy“ 2013 entlässt einen zufrieden nach Hause.

Dennoch gönnt sich Spike Lee ein paar Inseln der Irrsinns. Doucetts Widersacher Adrian (Sharlto Copley) und der Gefängnisleiter Chaney (Samuel L. Jackson) zum Beispiel sind völlig überzeichnet. Copley gibt den Oberschurken als dandyhaft säuselnden, allmächtigen Strippenzieher wie aus einem Bond-Film der siebziger Jahre. Auch die Kampfszenen, viel zu sorgfältig choreografiert, wirken in diesem Film fehl am Platz.

Nicht nur das Böse wird zur Karikatur, sondern auch die Ursünde, die dem ganzen Treiben zugrunde liegt: Lee versucht die Wirkung der Enthüllung noch zu steigern. Am Ende wirkt die Tat nur noch monströs, nicht mehr zufällig, dumm und irgendwie nachfühlbar wie im Original.

Das ist schade, denn Spike Lees „Oldboy“ ist handwerklich auf höchstem Niveau angesiedelt, manche Szenen sind durchaus zwingend. Lee widmet Doucetts Jahren im Verlies mehr Aufmerksamkeit, und Hauptdarsteller Josh Brolin nimmt man den gebrochenen Mann ebenso ab wie die tödliche Rachemaschine. Doch bei dem Versuch, den Kern eines originellen Plots in ein amerikanisches Genre zu versetzen, dreht Lee an den falschen Schrauben. Er setzt ein simples Katz-und-Maus-Spiel anstelle der eskalierenden Mechanik der Rache in Gang; sein Film ist nicht mehr grelle, existenzialistische Raserei, sondern schlicht ein Psychothriller. Alle bekommen, was sie verdienen. Eine Wiese ist eine Wiese. So viel Exzess – und trotzdem so bieder.

In Berlin im Cinemaxx Potsdamer Platz, Colosseum, Neukölln Arcaden, Cinestar Tegel, OV: Cinestar Sony-Center 1–8

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