Kultur : Spinnen an der Zimmerdecke

Mit Horst Ademeit eröffnet der Hamburger Bahnhof seine Ausstellungsserie mit Einzelgängern

von
Kampf den Strahlungen. Ademeit-Arrangement, mit Polaroid-Kamera fotografiert und Randnotizen versehen.Foto: Galerie S. Zander
Kampf den Strahlungen. Ademeit-Arrangement, mit Polaroid-Kamera fotografiert und Randnotizen versehen.Foto: Galerie S. Zander

Kunst wollte er nicht machen. Kämpfen schon, gegen Kältestrahlen. Die vermutete Horst Ademeit in der Luft. Als er in seine neue Düsseldorfer Wohnung zog, da gingen ihm plötzlich seine Elektrogeräte kaputt, das Brot schimmelte und er selbst bekam Ausschlag. Die Strahlen waren schuld, und so versuchte er sie oder ihre Auswirkungen zu fotografieren. Seit 1990 machte er jeden Tag ein Bild mit seiner Polaroidkamera, 6006 Stück. Auf Zeitungen arrangierte er Messgeräte, Wecker, Batterietester, Geigerzähler, später auch Kartoffeln, Äpfel, die sich unter Strahleneinfluss verändert haben sollen. Um den Rand notierte er in winziger, wuchernder Schrift seine Beobachtungen, interessante Schlagzeilen, Messergebnisse.

Das Archiv nahm er später mit ins Seniorenheim. Dort zeigte er es einer Betreuerin, die einem kunstinteressierten Arzt und der wiederum einer Galeristin, Susanne Zander in Köln, die ihn als Erstes ausstellte. Zwei Jahre vor seinem Tod, Ademeit verstarb 2010, bekam seine Arbeit Öffentlichkeit und einen Marktwert. Nun ist das Oeuvre auch im Museum angekommen. Der Hamburger Bahnhof zeigt Horst Ademeit als erste von sechs Einzelpositionen in der neuen Ausstellungsreihe „Secret Universe“. Im Ostflügel des Museums für Gegenwart sollen in den nächsten drei Jahren allesamt nicht etablierte Künstler und ihr Werk vorgestellt werden. Staunend steht man vor den Reihungen an Polaroidbildern, vor dieser verschwurbelten Privatphysik. Vor den dicht beschriebenen Kalenderblättern und den Kügelchen, die er am Körper trug. Sie dienten als Abwehr der Kältestrahlen. Ademeit fertigte sie selbst, immer in einem Durchmesser von 8 Millimetern, so groß kann sich die menschliche Pupille dehnen. In Ademeits Universum fügte sich alles zu einem großen Ganzen. Seine Umgebung hielt er in seinen „Observationsbildern“ fest. Die Spinnen an der Zimmerdecke: ein beliebtes Motiv. Er notierte: „24. März 93 / 10 Uhr. Sehr ungewöhnlich! Spinnen wechseln täglich ihren Standort.“ Ademeit dokumentiert Straßenbauarbeiten und Begrünungen, die ihm auffielen: „Gängiges bzw. Standardstillleben von Efeu-Ranken.“

Wann ist einer, der sich seine eigene Welt zurechtbaut, ein Spinner? Wann ein Künstler? „Secret Universe“ agiert nicht mit Kategorisierungen wie „Art Brut“ oder „Outsider-Kunst“. Auf diese Weise steigt die Ausstellungsreihe mitten in eine fundamentale Diskussion ein. Das ist spannend und kontrovers und steht einer Institution, in der sonst nur Kanonisiertes Einlass erhält, selbstverständlich ungeheuer gut.

Ademeits Lebensweg feuert das Ganze zusätzlich an, denn ein Kunstfremder ist er nicht: Geboren 1937, studierte er an der Kölner Werkkunstschule Textile Gestaltung. In den Siebzigern war er kurz bei Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie eingeschrieben. Doch seine Stillleben, Aquarelle und Akte soll Beuys nur als Kunsthandwerk abgetan haben. Die Tausenden von Fotos und Schriftstücke entstanden aus einem inneren Bedürfnis, dem Leben im Arbeiterviertel Flingern etwas entgegenzusetzen, um an den Baustellen und dem Lärm und Schmutz nicht kaputtzugehen, es war ein „Ankämpfen gegen das Elend“. So hat es Ademeit nach seiner Entdeckung resümiert. Sie hat ihn, der sich nie um Netzwerke und Diskurse scherte, glücklich gemacht. Sein Werk wurde in der White Columns Gallery in New York ausgestellt, auf der Art Cologne waren seine Arbeiten in diesem Jahr ebenso zu finden.

Beeindruckend ist die Radikalität seines Schaffens, die Konsequenz. Das hat er mit anderen, etablierten Künstlern gemein. Im Katalog weist Kuratorin Claudia Dichter auf die Zahlenreihen einer Hanne Darboven oder Roman Opalkas hin, genauso wie auf die banalen Alltagsausschnitte des Fotografen William Egglestone. Ademeit dazwischenzureihen gelingt nicht ganz.

Denn dann würde man eines verlieren, das wohl auch für die Kunstwelt größte Faszinosum: Die Ehrlichkeit und Natürlichkeit dieses Schaffens, frei von jeder künstlerischen Attitüde.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50, bis 25. September; Di –Fr 10–18 Uhr, Sa 11–18 Uhr, So 11–20 Uhr. Katalog 24 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben