Kultur : Spinner wie wir

Kleiner Held in Not: „Spider-Man 2“ ist ein wunderbares Märchen über die Last, ein Wunderknabe zu sein

Bodo Mrozek

Es gibt diese Tage, an denen einfach alles schief geht. Der Wecker ist zu leise, aus der Kaffemaschine röchelt der Essigreiniger von gestern, das Fahrrad ist platt und der Wagen in der Werkstatt. Das T-Shirt findet man nicht, weil man es schon an hat, und die U-Bahn ist auf Schienenersatzverkehr umgestellt. Ein Tag also, wie ihn wohl jeder mal durchleidet, manche öfter, einige sogar täglich. Und wenn man sich dann endlich auf dem Weg zum langersehnten Rendezvouz oder zum Vorstellungsgespräch befindet und einem mal wieder so gar keine Ausrede einfällt: Mal ehrlich, haben Sie da nicht auch schon mal daran gedacht? Wie es wäre, ein anderer zu sein? Einer, dem einfach alles gelingt. Den die Frauen lieben und bewundern.

Superhelden haben es gut. Von außen betrachtet sind sie bebrillte Bürohengste wie Clark Kent, oberflächliche Celebrity-Gestalten wie Bruce Wayne oder langweilige Stinos wie Matt Murdock. Stoisch tragen sie den Spott und die Verachtung ihrer Umwelt. Aber dann, wenn es keiner sieht, verwandeln sie sich in Superman, den Stählernen, Batman, den dunklen Ritter, oder den unbesiegbaren Daredevil. Oder, wie Peter Parker, der sich nun wieder über die Leinwände schwingt, in Spider-Man.

Peter (Toby Maguire) sieht aus wie Mamas Liebling. Seitenscheitel, Streberbrille, Milchgesicht: So einen lieben die Lehrer. Leider nur ist bei Peter jeder Tag Montag. Er bleibt in keinem seiner Jobs als Pizzalieferant oder Pressefotograf länger als ein paar Tage, weil er niemals pünktlich ist. In der Uni erscheint er, wenn die Glocke das Ende der Stunde läutet, Seminararbeiten fängt er gar nicht erst an. Professor, Chefredakteur und die heimlich und heiß geliebte Mary Jane (Kirsten Dunst) haben ihn wegen seiner Unzuverlässigkeit auch schon abgeschrieben. Denn Peter ist anders als andere Jungs.

„Spider-Man 2“ erzählt vom archaischen Kampf zwischen Gut und Böse. Der faustische Wissenschaftler Dr. Otto Octavius (Alfred Molina) hat Roboterarme entwickelt, die sich mittels Elektroden im Gehirn steuern lassen. Als das Experiment misslingt, schlägt der Cyborg eine Schneise des Terrors mitten durch das Herz New Yorks. Nun kann ihn nur noch einer stoppen. Doch der Auserwählte ist nunmal ein verliebter Junge, der ohnehin schon alle Hände voll zu tun hat, Kinder aus brennenden Häusern zu retten, kleine Schurken aus dem Verkehr zu ziehen und dabei seine Identität zu verbergen. Von den Mietsorgen ganz zu schweigen. Als dann auch noch die Superkräfte schwinden, muss Peter die schwerste Entscheidung seines Lebens treffen: Soll er auf die Spinnengabe verzichten, damit ihm Mary Jane ins Netz geht? Zur Erinnerung: Einst war auch Peter ein völlig normaler Loser auf der Schulbank. Dann aber biss den bebrillten Naturwissenschaftsfreak eine genetisch manipulierte Laborspinne. Seitdem besitzt Parker die Fähigkeiten eines Insekts: Er kann Netze spinnen und Wände hochklettern. So geschehen in „Spider-Man“, dem 139-MillionenDollar-Spektakel von 2002. Sam Raini („Evil Dead“) erweckte die 40 Jahre alte Comicfigur als atemberaubende Computeranimation zu neuem Leinwandleben. 1962 hatte die Legende vom Spinnenjungen im Marvel-Verlag ihr Comic-Debüt, das an Kurt Neumanns Mutationsfilm „Die Fliege“ von 1958 erinnerte.

Der Heftautor Stan Lee hatte den Waisenknaben mit den Superkräften in jenen Jahren der vaterlosen Gesellschaft und des Kalten Krieges entwickelt. In einer freiwilligen Selbstkontrolle hatten sich die Comicverleger vorgenommen, nurmehr „saubere“ Helden zu erschaffen, um das Schmuddel-Image des jungen Mediums Comic abzulegen. Spider-Man ist einer dieser All American Heroes. Anders als der außerirdische Superman oder der düstere Batman war er der am wenigsten glamouröse aller Helden – und zugleich ein moderner Schutzheiliger der Stadt New York. Der Filmstart musste 2001 allerdings verschoben werden, da die neuen New Yorker Helden mit ihren Feuerwehrwerkzeugen gerade den Schutt des World Trade Centers abräumten, zwischen dessen Türmen Spiderman sein Netz gespannt hatte. Die retuschierte Neufassung (mit Willem Dafoe, aber ohne Zwillingstürme) brach dennoch alle Kassenrekorde.

Dass der Spinnenjunge, um dessen Filmrechte sich Columbia, MGM und Marvel schon vor Gericht gezankt hatten, zurückkommen würde, war klar. Und allen berechtigten Zweifeln gegenüber Zweitverwertungen von Comicstoffen im Kino zum Trotz ist es eine fulminante Rückkehr. „Spider-Man 2“ spinnt den roten Faden der Superhelden-Saga weiter. Der Film inszeniert wie sein Vorgänger die Kulisse New Yorks in rasanten Kamerafahrten durch die Hochhausschluchten. Er setzt aber nicht wie die jüngste Marvel-Comicverfilmung „The Punisher“ auf plumpe Action und rohe Gewalt. Sam Raini hat auch darauf verzichtet, Spider-Man zu einem New Yorker Captain America zu stilisieren. Statt dessen hat er abermals eine selbstironische Liebesgeschichte gedreht, die den ersten Teil jedoch an Witz noch übertrifft. Und ganz nebenbei entspinnt sich ein überraschendes Märchen über den Fluch, den es bedeutet, ein Superheld sein zu müssen.

Bisher war dieses Schicksal nämlich äußerst populär. In ihrem Buch „Kleine Helden in Not“ haben Dieter Schnack und Rainer Neutzling vor einigen Jahren eine Erhebung unter Kindern ausgewertet. Nach ihren wichtigsten Vorbildern befragt, gab die Mehrheit der Jungs ein „abstraktes Idol“ aus Film, Comic oder Musik an. Mädchen dagegen beriefen sich auf konkrete Vorbilder: Mutter, Freundin, ältere Schwester. Die Autoren untersuchten daraufhin Superheldenfiguren aus Plastik. Sie kamen zum Ergebnis, dass deren Körpersprache der eines verängstigten kleinen Jungen entspricht: angstvoll aufgeblähter Brustkasten, schwacher Stand, voller Körperpanzer. So laufen Pubertierende durch die Straßen, weil das Leben für sie nicht viel Gutes bereithält: Die Mädchen interessieren sich für Ältere, die Erwachsenen nehmen sie nicht für voll, und die echten Vorbilder, Väter zum Beispiel, haben keine Zeit. Unter dem Schutz einer mysteriösen Maske aber könnte man beispielsweise die Welt retten und allen mal so richtig zeigen, was wirklich in einem steckt: Vätern, Lehrern, Mädchen. Darum träumen kleine Jungs von ihrer zweiten, geheimen Identität.

„Spider-Man 2“ ist ein Film für kleine Jungs aller Altersstufen. Und für alle, die nicht nicht verstehen wollen, warum diese Jungs in Schule, Büro oder den eigenen vier Wänden manchmal so gar nichts auf die Reihe bekommen. Wer diesen Film sieht, wird sie besser verstehen. Es könnte ja sein, dass sie gerade mal wieder heimlich die Welt gerettet haben.

WIE ALLES ANFING

Als Marvel-Comicfigur erblickte der Spinnenmann 1962 das Licht der Welt. Seine Väter sind Stan Lee und Steve Ditko . Die Comicserie hieß „Amazing Stories“ und floppte. Aber die Figur machte Eindruck: Die Serie wurde in „Amazing Spi der-Man“ umbenannt und 1963 erneut veröffentlicht – mit Erfolg.

WIE DER SPINNENMANN INS KINO KAM

Auch beim ersten „Spider-Man“, 2002, führte Sam Raimi Regie. Weltweit spielte der Blockbuster von Columbia Pictures über 820

Millionen Dollar ein.

WAS „SPIDER-MAN 2“

EINSPIELT

Seit der US-Premiere vor einer Woche hat „Spider-Man 2“ eine Rekordsumme von 180,1 Millionen Dollar in die Kinokassen der USA und Kanadas eingespielt, nicht zuletzt dank des langen Wochenendes im Zusammenhang mit dem Unabhängigkeitstag. Michael Moores Dokumentation „Fahrenheit 9/11“

liegt nun auf Platz 2

der US-Kinocharts.

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