Kultur : Spirale der Gewalt

Zur Struktur des Amoklaufs: Ines Geipel warnt vor der Radikalisierung der Nachahmungstäter.

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Columbine war das Vorbild, behauptet Ines Geipel, der Amoklauf vom April 1999 wurde zum weltweit verbreiteten Modell für verzweifelte, ohnmächtige, wutgeladene Jugendliche: Damals drangen zwei schwer bewaffnete Schüler in ihre Columbine High School in Littleton, Colorado, ein und erschossen zwölf Schüler und einen Lehrer, ehe sie sich selbst töteten. Die Maskierung der zwei Attentäter, ihre Schriften, ihr Hass wurden über das Internet weltweit verbreitet. Frei zugängliches Material für Nachahmungstäter.

Ines Geipel sieht in den Amokläufen an Schulen etwas „Systemisches“. Und das betrifft nicht nur die Täter, die bestimmten Mustern folgen, sondern auch gesellschaftliche Strukturen. Mörderische Gewalt wird in Videos und Computerspielen gepredigt. Solche Spiele wurden einst für militärische Schulungszwecke entwickelt. Ein Begriff wie Solidarität wird zunehmend als nebensächlich erachtet, das Gemeinschaftswesen in Familien, Schulen und Beruf in Gewinner und Verlierer getrennt. Ausgrenzung, Hänseleien, Mobbing seien bereits in der Grundschule die Regel, klagen Lehrer, leicht gemacht und weit verbreitet durch anonyme, rabiate Zeilen im Internet.

Am 26. April 2002 erschoss ein Schüler in Erfurt 16 Menschen, ehe er sich selbst tötete. „Mittlerweile kann man sich einen Amoklauf-Simulator als kostenlosen Download im Internet herunterladen“, schreibt Geipel. Als Vorbild dient Columbine. „Auf der gelöschten PC-Festplatte von Robert Steinhäusers Vater fand die Polizei nach dem Erfurter Massaker eine Bilddatei mit Videofotos vom Amoklauf in Littleton, inklusive Datum und Uhrzeit.“

Geipel verfasste bereits 2004 eine Studie über den Amoklauf in Erfurt. In ihrem neuen Buch nimmt die Autorin auch die Attentate in Emsdetten 2006 und Winnenden 2009 sowie den Amoklauf in Norwegen vom vergangenen Sommer näher in den Blick. Sie versuche in ihrer Studie, aus der Sicht des Täters Fragen zu stellen und Antworten zu finden. „Die Täter sind keine Monster, Dämonen oder Teufels-Killer“, schreibt Geipel im Vorwort, „Amokläufer töten aus unserer Mitte heraus“. Sie stammten meist aus gutbürgerlichen Verhältnissen, seien überdurchschnittlich intelligent, oftmals Außenseiter und Opfer von Hänseleien in der Schule. Sie fänden keinen Platz in der Gemeinschaft und schritten dann – nach einer langen Phase des völligen Verstummens – zu ihrer Tat. Ein problemloser Zugang zu Waffen ist dabei die Regel. Amokläufer „zu psychiatrisieren hieße, sie aus der Gesellschaft zu exkulpieren“, schreibt die Autorin.

Geipel zeichnet Lebenswege ins Abseits nach, Bruchstellen, Vorzeichen, die Katastrophen. Sie skizziert gesellschaftliche und soziale Umstände, mögliche Ursachen, Sittenbilder. Die Leistungsgesellschaft, die Versagensängste, Mobbing. Gewaltverherrlichung auf allen Kanälen. Anpassung in der Schule um jeden Preis, und das in einem Alter, in dem vieles ins Rutschen kommt. Das Verstummen im privaten Kreis, die Isolierung. Die Wirkung von Kriegsspielen am Computer, die Illusionswelt, die Wirkung aufputschender Musik, Drogen, Medikamente. Dazu die unverändert laschen Waffengesetze und die Bedeutung von Schützenvereinen. „Die Deutschen rüsten rasant auf“, hieß es vor zehn Jahren in einer Studie des Genfer Hochschulinstituts für Internationale Studien.

Ines Geipels Buch ist Bestandsaufnahme und Ursachenforschung zugleich. Sie streift auch die Literatur zum Thema, setzt sich mit psychologischen und kriminalistischen Erkenntnissen auseinander. Sie kommt einem politischen Schweigekartell in Thüringen auf die Spur. Sie bezeichnet das Bundesland als „zunehmend rechtsfreie Zone“ und „Land der Komplizen“. Aufklärung sei nicht erwünscht, schreibt Geipel. Dazu passten erste haarsträubende Erkenntnisse zur dortigen Neonaziszene.

Geipels Resümee ist niederschmetternd: Radikale Konsequenzen aus vorliegenden Erkenntnissen, Warnungen und Vorschlägen fänden nicht statt. Die Autorin prophezeit eine Zunahme der Gewaltspirale, eine Radikalisierung der Nachahmungstäter. „Alleiniger Sinn und Zweck der Schule des modernen Tötens“ sei es, schreibt Geipel, die vorangegangenen Attentate zu „toppen“ und „dynamische Kriegsmodelle“ zu hinterlassen. Ines Geipel wird dann erneut gefragt sein als Expertin.

Ines Geipel: Der Amok-Komplex oder die Schule des Tötens. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2012. 344 Seiten, 19,95 Euro.

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