Kultur : "Spirit of an Age": Schweine mit Musik

Jörg von Uthmann

Noch ist es zu früh, ein Urteil über den Erfolg der Ausstellung "Spirit of an Age" abzugeben, die den Londonern die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts nahebringen will (siehe Tagesspiegel vom 7. März). Doch die ersten - ausführlichen - Reaktionen der Presse bestätigen, dass das Ziel, das sich Neil MacGregor, der Direktor der National Gallery, gesteckt hat, hoch ist. Am besten fährt Caspar David Friedrich, den die Briten allerdings schon kennen. Der "Spectator" vergleicht ihn mit Turner und nennt ihn das "deutsche Jahrhundertgenie". Einhellig abgelehnt werden die "frömmelnden, steifen" (Observer) Nazarener. Liebermann und deutschen Impressionisten werden ignoriert. Über Menzel, mit elf Gemälden der Mittelpunkt der Schau, sind die Meinungen geteilt. Das "Flötenkonzert in Sanssouci" wird als "Kostumstück" (Spectator) abgetan, das "Eisenwalzwerk" als "mißglückt, aber andere haben es nicht einmal versucht" (Independent). Anerkannt werden dagegen seine Vielseitigkeit und die Lichteffekte des Menzelschen "Balkonzimmers".

Der "Guardian" bebildert seine Kritik mit Menzels "Palaisgarten des Prinzen Albrecht" und Anton von Werners "Etappenquartier vor Paris", preußische Soldaten bei einem improvisierten Konzert in einer beschlagnahmten Villa. Zum ersten Bild wird bemerkt, das Palais sei später das Hauptquartier der SS gewesen, zum zweiten, die Soldaten hätten die Villa später ausgeplündert. Die "Sunday Times" wird deutlicher: Sie nennt Werner "barbarisch": "Indem er eine derartige Szene feiert, offenbart sich der unsichtbare Zeuge als ebenso großes Schwein wie die Soldaten, die wir zu sehen kriegen."

Lovis Corinths "Samson", eines der letzten Bilder der Ausstellung, schmäht der Kritiker der "Sunday Times" als "Zombie": "In letzter Zeit wurden wir öfter eingeladen, Corinth als Künstler ernst zu nehmen, während er doch nur ein Clown ist." Sein Kollege vom "Sunday Telegraph" sieht in Corinths Samson ein "Symbol der katastrophalen deutschen Geschichte". Menzel bescheinigt er "die fatale deutsche Neigung, nichts der Einbildungskraft zu überlassen", Hans Thoma "den vulgären Geschmack einer versunkenen Zeit". Insgesamt nennt er die Schau "prosaisch, so provinziell in ihrer Enge, so akademisch in ihrer Einfallslosigkeit".

Man muss dazu wissen, dass "Times" und "Telegraph" im Kampf gegen den Euro an vorderster Stelle stehen und dazu neigen, für alle Probleme der Insel "die Ausländer" verantwortlich zu machen - wie es Oppositionsführer William Hague unlängst tat. Die liebevolle Pflege der Vorurteile stößt freilich auch in England auf zunehmenden Widerstand. Der "Independent" brachte - höchst ungewöhnlich - eine zweite Kritik ("Die Briten tragen Scheuklappen, wenn es um Deutschland geht"), die mit den Worten schließt: "Wenn ich lese, wie sich ein Kritiker beeilt, darauf hinzuweisen, dass Menzel das spätere Hauptquartier der SS malte, dann sehe ich ein abstoßendes, brutales, beschränktes europäisches Land voller Vorurteile vor mir. Die Sache ist nur die: Das Land ist nicht Deutschland."

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