Kultur : Spitze Gefühle

Die Frühjahrsauktion der Villa Grisebach setzt auf die Klassische Moderne

Michaela Nolte

Die aktuelle Großwetterlage bewegt auch den heimischen Markt. Echte Highlights sind rar, doch mit Qualität und angemessenen Erwartungen gerät der Kunstmarkt in Bewegung. So im Kölner Auktionshaus van Ham, das zum Ende der Frühjahrssaison einen Erfolg vermelden kann. Auf 400 000 bis 600 000 Euro waren Ernst Ludwig Kirchners „Drei Akte im Wald“ eingestuft, die ob der Provenienz Aufsehen erregt hatten: Das Bild stammt aus der Sammlung Hess, die einst auch Kirchners „Berliner Straßenszene“ beherbergte. Nicht zuletzt als Konsequenz aus der zu trauriger Berühmtheit gelangten „Causa Kirchner“ ließ van Ham die rechtlichen Ansprüche zuvor lückenlos klären und konnte das Gemälde von 1912 just einem deutschen Privatsammler für 1,1 Millionen Euro verkaufen.

Das mag als gute Vorlage für die Auktionen bei Lempertz und Grisebach gelten. Wenngleich die Offerten nicht mit gar so spektakulären Einzelpositionen aufwarten. Aber trotz des schwierigen Umfelds vermochte die Villa Grisebach ein Bild von Beckmann zu akquirieren, dem als einzigem Werk bereits im Vorfeld die Millionengrenze zugetraut wird. Die Anzahl der „Ausgewählten Werke“ ist mit 63 Losnummern deutlich dezimiert, doch auch mit kapitalen Arbeiten von Schlemmer, Lovis Corinth, Emil Nolde oder Paula Modersohn-Becker ist das Berliner Auktionshaus auf seinem Terrain der Klassischen Moderne durchaus souverän aufgestellt.

Das Spitzenlos wirkt wie ein Sinnbild für die momentane Atmosphäre. Aus Max Beckmanns „Nachtgarten bei Cap Martin“ weist der helle Vollmond einen Weg. Überwuchert von üppigen Kakteen und Agaven, führt der Weg im Licht des Mondes in eine rosa schimmernde Zukunft. Beckmann malte diesen Dschungel der Gefühle 1944, im sechsten Jahr seines Exils. Trotz aller Melancholie behauptet das Bild kraftvoll seinen Schätzpreis von 800 000 bis 1,2 Millionen Euro.

Nicht nur wegen ihrer Marktfrische bestechen zwei Werke von Oskar Schlemmer. Die große Leinwand „Sitzende auf geschwungenem Stuhl“ zeichnet in Gelb, Orange und Braun Schlemmers Bild vom Menschen im Raum – mit wenigen Geraden, pointiert und die Räumlichkeit seiner Treppenbilder bereits andeutend (500 000-700 000 Euro). Die „Exotische Prinzessin“ von Georg Scholz markiert einen kurzen, stilistischen Ausflug des Vertreters der Neuen Sachlichkeit. Das in lasziven Kontrasten schillernde, kubo-futuristische Blaublut geht mit einer Schätzung von 250 000 bis 300 000 Euro ins Rennen. In die Reihe der Nebenwege reiht sich auch Hermann Max Pechsteins „Sitzende Frau“ von 1917 ein. Denn zur geheimnisvollen Schönen gesellt sich als zweites Motiv ein für den Expressionisten ungewöhnlicher Raum. Orientiert am Kubismus, unterstreicht der kühne, flächig angelegte Bildraum nicht zuletzt auch die Modernität der Porträtierten (150 000 bis 200 000 Euro).

Bei der Fotografie, die am Donnerstag den Auftakt der vier Auktionen macht, gilt das Augenmerk einem Wolkenkratzer-Modell von Ludwig Mies van der Rohe. 2007 stieg die Aufnahme von Curt Rehbein bei Jeschke, Hauff und Auvermann von 800 auf 100 000 Euro und avancierte zur teuersten Fotografie der deutschen Auktionsgeschichte. Bei Grisebach wird sie mit vorsichtigen 10 000 bis 15 000 Euro aufgerufen.

Villa Grisebach, Fasanenstraße 25. Vorbesichtigung bis 3. Juni, Sa-Di 10-18.30 Uhr, Mi 10-17 Uhr. Fotografie-Auktion: Do, 4. Juni, 15 Uhr. Ausgewählte Werke: Fr, 5. Juni, 17 Uhr. Kunst des 19.- 21. Jhd: Sa, 6. Juni, 10 Uhr. Third Floor. Schätzpreise bis 3000 Euro: 15 Uhr.

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