Kultur : Spitzgiebel in luftiger Höhe

BERNHARD SCHULZ

Ein Chor von 250 Sängerinnen und Sängern ist aufgeboten, neben dem Orchester auf dem Podium sind drei Bläsergruppen im Raum verteilt und dazu eine Batterie von einem Dutzend Schlagzeugern: Raumklang, wie ihn Hector Berlioz 1837 ersonnen hat.Sein Requiem wird an diesem Septemberwochenende im Rahmen der 750-Jahr-Feier Den Haags vor 1200 Zuhörern gespielt - nicht in einem Konzertsaal, sondern im glasgedeckten Innenhof des "Stadthauses".Diese Kombination aus Rathaus und Stadtbücherei bildet mit ihrem elf Stockwerke hohen Innenhof ein eindrucksvolles Werk einer neoklassischen Moderne in Bauhaus-Nachfolge.Das gläserne Atrium öffnet sich für vielerlei Veranstaltungen - ein Stück Stadt und tatsächlich für jedermann.

Entworfen hat den 1995 nach knapp zehn Jahren Bauzeit fertiggestellten Bau der Amerikaner Richard Meier.Mit dem Gebäude wollten die Stadtväter ein Zeichen der Zuversicht setzen in die Zukunft Den Haags, das mehr und mehr unter den Planungssünden der Nachkriegsjahrzehnte einerseits, unter dem europaweiten Trend der Entvölkerung der Innenstädte und der Abwanderung steuerkräftiger Unternehmen andererseits zu leiden hatte.Die Zusammenziehung der städtischen Verwaltung in einem Gebäude und die Rückkehr ins Zentrum war ein Signal, das angekommen ist und Wirkung zeigt.Interessant für Berlin wird die ambitionierte Stadtplanung Den Haags dadurch, daß zugleich der niederländische Staat mit dem Um- und Neubau zahlreicher Ministerien in seiner Regierungsstadt maßgeblich beteiligt ist.

Was Den Haag heute - 750 Jahre nachdem Graf Willem II.eine erste Burg errichten ließ - vorzeigt, ist noch nicht die ganze, neue Stadt, die Baudezernent Peter Noordanus und der jüngst berufene Stadtbaumeister Maarten Schmitt sich erhoffen.Der Sitz der niederländischen Regierung sowie zahlreicher internationaler Institutionen bietet einen Flickenteppich aus Alt und Neu, und an vielen Stellen passen die unterschiedlichen Gewebe noch nicht recht zusammen.Aber die Entwicklung, die lange Zeit in eine der Stadt abträgliche Richtung gegangen ist, scheint auf dem richtigen Gleis zu sein.Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf ein Gelände zwischen dem Hauptbahnhof, einem Konglomerat aus Verkehrsebenen, das zur Zeit seiner Eröffnung 1976 zweifellos als "funktional" gelobt wurde, und dem Geschäftszentrum, an dessen bisherigem Rand der mächtige weiße Dampfer von Meiers Stadthaus Anker geworfen hat.Gleich daneben begann, was Noordanus in entwaffnender Deutlichkeit als "Kriegsgebiet" umschreibt - ein Gewirr aus Sozialwohnungskästen, Bürohochhäusern und Brachflächen, ohne jeden Zusammenhang und ohne jeden Anflug von Urbanität.Der Kern dieses Gebietes, ein überschaubares Areal von 35 000 Quadratmetern, wird unter dem Namen "de Resident" zum Vorzeigestück des "Haager Neuen Zentrums".In wenigen Tagen beginnt mit dem Einzug des Ministeriums für Gesundheit, Wohlfahrt und Sport in den fertiggestellten Komplex "Helicon/Castalia" der Alltag - und der Test auf die Verträglichkeit mit der wenig einladenden Umgebung, die geprägt ist beispielsweise von einem 363 Wohnungen messenden Plattenbau, der noch 1985 nach Planungen der siebziger Jahre hochgezogen wurde.

Es wird ein Alltag auf der Baustelle sein, denn nebenan wachsen gerade erst die Fundamente.Der Luxemburger Rob Krier hat den städtebaulichen Masterplan gezeichnet, der den Berliner Besucher sofort an das Potsdamer Kirchsteigfeld denken läßt.Auch in Den Haag hat Krier einen länglich-hufeisenförmigen Platz zum Mittelpunkt erkoren, um den herum er in unterschiedlicher Staffelung Bauten anordnet, die ein Geflecht von Räumen und Funktionen ergeben.Nur ist in Den Haag alles deutlich höher, gilt es doch hier, anders als an der Peripherie von Potsdam, ein veritables Stadtzentrum zu schaffen.Zudem mußte ein scheußlicher Hochhaus-Schuhkarton nach Entkernung und Asbestsanierung erhalten und integriert werden; nachdem sich der amerikanische Postmodernist Michael Graves seiner angenommen hat, wartet er nun mit dem Zitat eines holländischen (Doppel-)Giebels in allerdings einhundert Metern Höhe auf.Das Pendant zu diesem (Um-)Bauwerk namens "Castalia" ist der ambitionierte Gebäude-Kamm "Helicon" des Holländers Sjoerd Soeters, der zumal im Inneren wagemutig mit Materialien, Formen und Farben spielt, als gelte es, dem "weißen Prinzen", dem Bauhaus-Erben Meier ein für allemal die Stirn zu bieten.

"Das Stadthaus sieht aus wie ein Kühlschrank, den jemand auf dem Bürgersteig stehengelassen hat", meint Graves spitzzüngig.Er ist zu den Endarbeiten vor dem Ministeriumsumzug aus New York angereist - und bildet in seiner distinguierten Erscheinung einen reizvollen Kontrast zu den extravaganten Bauten, mit denen er unter anderem für den Disney-Konzern Furore gamacht hat.Aber auch die Herolde der Postmoderne sind ja mittlerweile Herren im vorruhestandsfähigen Alter.Und Krier führt sowieso einen jahrzehntelangen Feldzug für die Wiederbelebung des Städtebaus.In Den Haag überzeugte sein Plan neben den Stadtvätern auch die Investoren, die gemeinsam das Gelände als public-private partnership entwickeln.Vier Milliarden Gulden werden privat finanziert, um 100 000 Quadratmeter für Büroflächen und 40 000 für Wohnungen zu schaffen, während Staat und Kommune eine Milliarde insbesondere für Infrastrukturmaßnahmen beisteuern.Rem Koolhaas, der in Rotterdam ansässige Prophet einer wahrhaft urbanen Architekturauffassung, der beim Stadthaus-Wettbewerb zwar den ersten Platz bei der Jury, nicht aber beim Auftraggeber Stadt errang und wieder einmal als "ewiger Zweiter" bedauert wurde, darf zum Ausgleich die Tauglichkeit seiner Gedanken bei der Gestaltung der U-Straßenbahn demonstrieren.Sie soll in den engen Straßen des Zentrums eine gewagte, aber Koolhaas-gemäße Symbiose mit Tiefgaragen und entsprechenden Zufahrten eingehen.Als Überbleibsel der siebziger Jahre durchquert die Straßenbahntrasse gar den Neubau "Helicon" im Anstieg zur Verkehrsplattform über den Gleisen des Hauptbahnhofs.

Es wird noch bis ins Jahr 2002 hinein dauern, bis "de Resident" fertiggestellt sein wird.In Richtung Osten und Süden wächst die Stadt seit Jahren unkontrolliert ins Land hinein, hier ein neues urbanes Gewebe zu schaffen, ist ungleich schwieriger.Die tiefgelegte Schnellstraße Utrechtsebaan wird mehrmals von Brückenbauwerken überspannt.Ingenieurtechnische Meisterleistungen kaschieren die Sünden der Autolobby.Was dabei herauskommt, ist auch architektonisch von erster Qualität, wie das Hi-Tech-Hochhaus des Arbeitgeberverbandes, dessen tragendes Gerüst zur Gänze in die Stahlrohre der Außenfassaden verlegt werden mußte.Architekt Mels Crouwel hat die Herausforderung angenommen und ein Symbol der Technik geschaffen - "für die Inneneinrichtung bin ich nicht verantwortlich".

Jenseits der Bahnlinie Rotterdam-Amsterdam sind zahlreiche Verwaltungsbauten, aber auch Sozialwohnungsriegel entstanden, die dringend der städtischen Fassung bedürfen.Die erst zu Beginn der neunziger Jahre gegründete Fachhochschule "Haagse Hogeschool" könnte zu einem Kristallisationspunkt einer solchen Entwicklung werden.13 000 Studenten steuern das kanalumflossene Gelände an.Einen veritablen Stadtplatz rahmen der Rundbau mit dem Audimax der Hochschule und den zentralen Einrichtungen sowie der langgestreckte, spannungsvoll gebogene Hauptbau mit Seminarräumen und Büros.Autos gibt es auf dem Hochschulplatz nicht - das gesamte Gelände ist mit einer gigantischen Tiefgarage, die zugleich die Versorgungsstraße aufnimmt, unterkellert.Statt dessen haben die Architekten, Hans van Beek und Leon Thier, mächtige Platanen anpflanzen lassen, um ein Stück Natur gegen ihre Bauten zu setzen und zugleich die böigen Winde zu bändigen.Die jenseits der Kanäle hochgezogenen Wohnbauten, unter anderem aus der Feder des verstorbenen Aldo Rossi, müssen solchen Schutz entbehren und stehen noch etwas vereinzelt in der flachen Landschaft.

Der Abschied von der langen, funktionalistisch-soziologisch geprägten Tradition niederländischer Stadtplanung fällt schwer, wie nicht zuletzt die "Hogeschool"-Architekten van Beek und Thier betonen.Den Haag mit seinen einander bisweilen gleichgültigen Stadtvierteln will zu einer neuen Einheit zusammenwachsen.Die Zahl anspruchsvoller Bauten ist bemerkenswert hoch, und ebenso beeindruckt der lange Atem, mit der die Planer ihr Werk an so vielen Stellen der Stadt vorantreiben.Inzwischen ist die Moderne alt genug, um ihre eigene Tradition liebevoll zu pflegen.Das Stadtmuseumsgebäude von H.P.Berlage, letztes Werk des 1934 verstorbenen Begründers der modernen Architektur in Holland, wird nach jahrzehntelanger Vernachlässigung derzeit von Job Roos mustergültig restauriert.Zur Wiedereröffnung Ende Oktober wird das eben erst für 80 Millionen Gulden erworbene Gemälde "Victory Boogie-Woogie" von Piet Mondrian präsentiert werden.Kritik an der astronomischen Kaufsumme gab es in der Öffentlichkeit kaum, statt dessen Freude über den Erwerb einer Ikone der modernen Kunst - und Stolz, daß Den Haag das Rennen gemacht hat.

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