Kultur : Splitter hinter Glas

PH

Bei manchen Künstlern sollte man mit voreiligen Werturteilen über eine einfache Ausstellung vorsichtig sein - schon die nächste könnte sie in neuem Licht erscheinen lassen. Thomas Demand lebt seit 1996 in Berlin, bestreitet momentan eine USA-Tournee und leistet sich das seltene Privileg, seine Werke nur ausgewählten Sammlern zu überlassen. Er will sich weder von Zwischenhändlern noch von Auktionshäusern die Preise verderben lassen, sondern setzt auf Partnerschaften voranschreitenden Nachdenkens. Wer ein Werk besitzt, gehört zum Club und soll langfristig in der Spur bleiben. Deshalb gefiel es ihm nicht besonders, als kürzlich bei einer Londoner Auktion "Studio" für 65 000 Pfund zugeschlagen wurde. Denn Preise lenken von Inhalten ab.

Mit Lässigkeit und Präzision inszeniert er seine jüngste Premiere: zwei kleine fotografische Werke (14 500 Euro) und der Neunzig-Sekunden-Film "Hof". Er wolle "beides können: das Einfache und das Schwierige", sagt Demand. Diese Ausstellung gehöre zum Einfachen. Man sieht hinter Glas zwei Fotografien von gesplitterten Scheiben mit Einschlagszentrum und spinnenartigen Ausläufern als Augentäuschung, während bereits Blitzlichtgeräusche und Fußstapfen zu hören sind. Dann kommt die diffuse und unspektakuläre Rekonstruktion eines spektakulären Ereignisses in den Blick. Der ehemalige Diktator Milosevic wird in Den Haag über einen düsteren Hinterhof abgeführt. Der Kameramann hat Mühe, die richtige Einstellung zu finden. Die Tiefenschärfen wechseln mit Überbelichtungen. Schon verliert sich der Schwenk im Dunkeln.

Demands Rekonstruktion betont die unkommentierte Medienberichterstattung. Er zeigt das Dabeisein-ist-alles-Prinzip aus der Schlüssellochperspektive von Papparazzis und präsentiert einen großen Moment der Gerechtigkeit als Medienporno, der durch endlose Wiederholung sich selbst banalisiert. Wirklich werden nur die Fußtritte und Schüsse der Blitzlichter. Der Rest ist Augentäuschung: Splitter hinter Glas. Die Erfahrungen der letzten Monate mit visueller Berichterstattung steigern das Statement dieses wohl persönlichsten Werks, das Demand je aus dem Atelier gab.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben