Kultur : Splitter im Strom

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

Man schreibt wieder für Orchester: Hatte die zeitgenössische Musik lange ein sparsames Refugium in der Kammermusik gefunden, so ist seit einiger Zeit ein deutlicher Trend zu größeren Besetzungen zu erkennen.Der Lust am großen Orchesterapparat, nicht selten verbunden mit einer wiedererwachten Lust an großen Gefühlen, trägt auch das Programm der 17.Musik-Biennale Rechnung mit zahlreichen Orchesterkonzerten.Nun spielte das Berliner Sinfonie-Orchester unter Leitung von Johannes Kalitzke im Schauspielhaus.

Helmut Lachenmanns Ästhetik zielt darauf ab, traditionelle Hörerwartungen zu unterlaufen.in seinem Orchesterstück "Tableau" von 1988 führt die Verweigerung des Gewohnten paradoxerweise zu einem unerwartet emphatischen Gestus, ja fast zu einem Maximum an klanglicher Opulenz.Tonalität wird hier an sich selbst gebrochen: Cluster und tonale Mittel liegen im Klangmilieu von "Tableau" dicht beieinander.Es ist interessant zu sehen, mit welcher Einsatzbereitschaft und Freude das BSO Lachenmanns Musik spielte, die noch vor wenigen Jahren Entsetzen und Skandale hervorrief.

Matthias Pintscher sei ein "Komponist voll kreativer Energien, mit sicherem Instinkt für formale und expressive Wirkungen, mit virtuosem Klangsinn, vor allem: fähig zu Überraschungen".So lobte Helmut Lachenmann den 1971 in Marl geborenen jungen Kollegen, der mit seiner narrativen, nach Ausdruck strebenden Musik ein ganz anderes Konzept verfolgt als der Altmeister Lachenmann.Sein rhapsodisches Orchesterstück "Dunkles Feld - Berückung", angeregt durch die Lektüre von Hans Henny Jahnns "Gustav Anias Horn", wurde hier uraufgeführt.Formal weniger stringent als seine jüngsten Werke, die vor kurzem mit dem DSO zu hören waren, entfaltet sich die Musik als ein erzählender Klangstrom, als eine "vierteilige Studie über Kraftballungen und deren konsequente Auflösung", wie Pintscher selbst seine Musik beschreibt.Cello, Englisch Horn und zwei Harfen treten als individuelle Stimmen solistisch aus dem Orchester hervor.Obwohl noch einiges an Unsicherheit zu spüren war, gelang die Uraufführung der eher episch wirkenden "Szene für großes Orchester" beeindruckend.

Luc Ferraris "Histoire du plaisir et de la désolation" schließlich blieb ein irritierendes Stück: in rund vierzig Minuten entfaltet der 1929 in Paris geborenen Komponist Musiksplitter zwischen Lust und Trostlosigkeit.Insistierender Rhythmus, Wiederholung und Zentraltönigkeit gehören ebenso zum musikalischen Repertoire der 1979-81 entstandenen Komposition wie die spannungsvolle Collage historischer Stile mit bruitistischen Klangballungen.Eine ironische Annäherung ans Unterhaltende, die soghaft zur musikalischen Katastrophe führt.Alle drei Komponisten nahmen persönlich den starken Beifall des Publikums entgegen.Kompetent hatte Johannes Kalitzke dem BSO ihre Partituren nahegebracht - für diesen Einsatz abseits des herkömmlichen Repertoires gebührt dem Orchester ein Sonderlob.

DeutschlandRadio Berlin sendet das Konzert am 1.April um 20 Uhr

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