Kultur : Spöttische Gischt

CAROLINE FLETSCHER

Huren in Kuba sind anders.So erzählen die Männer, Touristen wie Einheimische.Weniger kalt, weniger berechnend, weniger professionell bei der Klientensuche.Manchmal bleibt es bei einem Flirt, mal entsteht eine Beziehung, eine Brieffreundschaft, mal geht es vor allem um Dollars.Die Hure Juliette in diesem ungewöhnlichen Film steht für viele - und ist doch wieder anders.Juliette ist siebzehn; sie hat grüne Augen, in denen sich Frechheit spiegelt und Verwahrlosung.Natürlich sieht Juliette gut aus, und natürlich verbringt sie ihre Tage am Malecon, der Uferstraße von Havanna.

Wer zum Teufel ist Juliette? Einen Vater hat sie nicht, der sich aus dem Staub gemacht, die Mutter hat sich das Leben genommen - Juliette lebt in einer Splitterwelt aus Familienfragmenten und Gelegenheitsbekanntschaften.Als sie durch Zufall von einem Kamerateam entdeckt wird, das Modeaufnahmen dreht, ändert sich - nichts.Carlos Marcovich, der Regisseur, sucht Juliette, und erzählt parallel, verflechtend, das Leben des mexikanischen Topmodels Fabiola.Fabiola fehlt ebenfalls der Vater; das ist ein Thema, bei dem sich beide Frauen verstehen.Auch über Klamotten können sie reden.

Was zum Teufel ist eine Dokumentation? Hier ist ein eigenartiger Film entstanden.Er nimmt beide Frauen zum Anlaß, das Suchen zu inszenieren: das der beiden nach ihren Vätern und sich selbst, das des Regisseurs nach den beiden.Brüder und Großmütter kommen zu Wort; beiläufig erzählen sie traumatische Geschichten und fluchen über die Schwester, die immer schon eine blöde Kuh war.Grinsen."Ach, die!" Juliette hört zu und lacht, auf charmante Weise abgebrüht.Dann weint sie, von sich selbst überrascht, als sie Kindheitsschmerzen erinnert.Sie hält die Hand vor die Kamera und verspottet den Regisseur.Sie telefoniert mit dem fernen Papa, das Telefonklingeln unterbricht den Filmlauf.Voller unerwarteter Normbrüche, flackernd, wie Juliettes Wesen, ist Marcovichs Film, ein einziges, langes Experiment.Spannend.Musikalisch.Anrührend.Aber man schüttelt das Gefühl nicht ab, daß auch mit Juliette, wenngleich gewaltlos, experimentiert wird.Ein bißchen romantisch, ein bißchen unfair, sie als Spiegel zu verwenden.

Fabiola, das Model, reist mit ihr in die reiche City, hier könnte das Märchen beginnen: Die Hure als reiches Model.Juliette beißt nicht an, sie bleibt skeptisch, sie will lieber wieder zurück nach Havanna, der Trubel gefällt ihr nicht, und die Disziplin, die sie als Model haben müßte, behagt ihr nicht.Auch die inszenierte Begegnung mit dem Vater mutiert nicht zum Märchen.Juliette ist traurig, eine Menge salziger Gischt am Malecon und eine Menge Tränen bleiben, immer gemischt mit Spott und geschmückt mit Vergnügtheit und gewürzt mit Flüchen.

Es ist kein Film über Kuba.Eher ein spröder romantischer Film über zwei Frauen und die Frage nach Identität in zerrissenen Welten, wie es sie überall gibt, durch den Terror von Zufällen und Familientragödien.Ziemlich unkittbare Leben.Das Schöne an der ganzen Sache ist das Fehlen aller Sozialarbeiter-Tabus.Wer ist Juliette? Juliette ist wie sie ist.Mehr will sie nicht.Sie hätte gern einen Vater gehabt und ihre Mutter behalten, na klar.Geht aber nicht.Das Filmen hat ihr fast immer Spaß gemacht.Und es ist schön, daß es auch Dritte-Welt-Filme gibt, die ganz auf Didaktik verzichten.

In Berlin in den Kinos Filmbühne am Steinplatz (OmU), Hackesche Höfe

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