Spoken Word-Festival in Berlin : Hauptsache: Mund auf

Poetry-Slammer aus Berlin und Nairobi treten diese Woche gemeinsam auf. Ein Treffen mit den Wortakrobaten Octopizzo und Josefine Berkholz.

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Henry Ohanga alias Octopizzo und Josefine Berkholz.
Henry Ohanga alias Octopizzo und Josefine Berkholz.Foto: Björn Kietzmann

Sie wirken erst mal nicht, als ob sie viel gemeinsam hätten. Josefine Berkholz, aufgewachsen in Mittelfranken und Berlin. Und Henry Ohanga, Künstlername Octopizzo, geboren in Nairobi. Die Bilder aus ihren Youtube-Clips sind noch im Kopf. Berkholz auf der Bühne des Bastardslam, 2010 in Potsdam, voller Energie vor dem Mikro. „Ich will eine neue Welle der Euphorie, fern vom Gedankengut vergangner Geister. Wir sitzen alle im selben sinkenden Boot. Meine Damen und Herren – Schiller ist tot!“. Dagegen Octopizzo, Sonnenbrille, Baseballcap, der in „Voices of Kibera“ im afrikanisch gefärbten Englisch anhebt: „This is where I spent more than half of my life, on these streets“. Eine Rap-Führung durch sein Viertel. Man sieht Wellblechhütten, Gleise, Wände mit Graffiti. Kibera ist einer der größten Slums der kenianischen Hauptstadt.

Jetzt sitzen die beiden nebeneinander auf einer Berliner Wohnzimmercouch, Berkholz in Jeans und Pulli, Octopizzo mit Mütze und Parka. Draußen im Garten grillen die Kollegen, drinnen sagt die 20-jährige Poetry-Slammerin: „Wir sind alle Künstler, die mit Worten arbeiten. Nur auf verschiedene Weise.“ Der kenianische Rapper nickt. „Die unterschiedlichen Perspektiven sind faszinierend. Jemand sagt dir, dieses Buch ist gelb. Aber für dich ist es grün, für einen anderen rot.“ In der Kunst, könne jeder seine eigene Wahrheit behaupten. Auch beweisen.

Das Festival „Spoken Worlds“, das die Literaturwerkstatt gemeinsam mit der Böll-Stiftung und anderen Partnern unter Leitung von Isabel Ferrin-Aguirre ausrichtet, führt junge Hip-Hopper, Slam-Poeten und Lyriker aus Berlin und Nairobi zusammen. Im vergangenen Jahr trafen sie in Kenia zusammen, für eine intensive, reizüberflutete Woche. Es entstand ein Album mit 16 Tracks, wahlweise beatbefeuert oder pur performt. Jetzt steht der Gegenbesuch der Afrikaner an.

Musikalisch hat die Berlin-Nairobi- Connection schon Tradition. Vor rund drei Jahren begründeten das Goethe-Institut und die Brüder Andi und Hannes Teichmann einen Elektro-trifft-Hip-Hop-Austausch, aus dem das Album „BLNRB“ hervorging, das Kürzel fusionierte die Städtenamen. Bei „Spoken Worlds“ ist dagegen alles möglich, was sich mit Sprache anstellen lässt.

Berkholz erinnert sich noch an einen heißen Novembertag in Nairobi, es gab ein Open-Mike auf der Straße, für professionelle Künstler, spontane Freestyler, jeden, der etwas zu performen hatte. Vier Stunden dauerte der Event, über hundert Leute hatten sich versammelt, viele blieben die ganze Zeit über. „Unvorstellbar in Deutschland“, sagt sie. Überhaupt war Berkholz begeistert von der Offenheit der Kenianer. Die Szenen der Sprachakrobaten, gleich welchen Stils, seien dort nicht so hermetisch getrennt wie hierzulande, wo beispielsweise Lyriker und Poetry- Slammer sich eher beargwöhnten. Alles ein fließender Übergang: Rap, Spoken Word, Poesie. Octopizzo zuckt nur die Achseln. Hauptsache: Mund auf. Sagen was Sache ist. Das Prinzip Dichterlesung ist in seiner Heimat unbekannt, er hörte beim Austausch zum ersten Mal davon.

Radiosender boykottierten Octopizzo zunächst

Berkholz hat ihre Texte in einem Kino der kenianischen Hauptstadt auf Deutsch vorgetragen, klar, dass die meisten im Publikum der Sprache nicht mächtig waren. Aber die Atmosphäre war hoch konzentriert. „Ungeschriebenes Gesetz des Poetry-Slams: Wenn du es nicht verstehst, fühl es“, sagt sie. Die Liebe zum Geschichtenerzählen war bei ihr früh da. Und schon mit 15 stand sie erstmals bei einem Slam auf der Bühne. Allerdings waren das eher naiv-hybride Frühversuche mit erhobenem Zeigefinger, findet sie heute. Mag sein. Aber schon 2010 belegte sie im Finale der deutschsprachigen Poetry-Meisterschaften den zweiten Platz.

Octopizzo kam als Rebell zum Rap. Was nicht heißt, dass er Gangsterposen nötig hätte. Der Mann, dessen Künstlername unter anderem auf das Sammeltaxi mit der Nummer acht in Kibera anspielt, wollte mit den Stereotypen über Afrika aufräumen. Schluss mit diesem „Spendet zwei Euro für die armen Kinder, die an Malaria sterben“. Und vor allem wollte er den klischeeverhangenen Blick auf seinen Slum brechen. Seine Hood, wie er’s nennt. „Es gibt in Kibera hart arbeitende Frauen, die Gemüse verkaufen und ihre Kinder zur Schule bringen. Faule Männer, die nur rumhängen und keine Perspektive haben. Und Kinder, die von morgens bis abends Fußball spielen und sich kein bisschen arm fühlen, weil sie nie etwas anderes kennengelernt haben.“

Ocotopizzo rappt in Sheng, einem Mix aus Stammessprachen, Swahili und Englisch. „Der Slang ändert sich jede Woche“, erzählt er. Dauernd werden neue Wörter erfunden, wenn sie cool sind und mehr als hundert Leute sie kennen, zählen sie zum Sheng. Anfangs wollten die Radiostationen Octopizzo nicht spielen, „weil ich Hardcore-Rap mache und die Regierung disse“. Aber über Youtube und andere soziale Kanäle wuchs seine Fangemeinde so schnell, dass auch die Sender nicht mehr an ihm vorbeikamen.

„Love“ heißt eins der Stücke auf dem Album „Spoken Worlds“, an dem er mitgewirkt hat. Ein anderes „Skills“. Liebe zur Kunst. Glaube an das eigene Talent. Darum geht es Octopizzo, deswegen hat er in Nairobi die Iniative YGB („Young, Gifted and Black“ ) ins Leben gerufen, die Kids unterstützt, die rappen, tanzen, malen oder schreiben wollen.

Josefine Berkholz mischt mit kenianischen Kollegen unter anderem beim Track „Hormons“ mit, ein „Gender-Verschwender-Song“, wie sie lachend sagt. Sie besitzt ein furioses Wortspieltalent, aber ihre Texte haben stets einen Hintersinn, ein zweite Ebene. „Slam-Poetry ist ein starkes Ventil, nur durch das Schreiben bekomme ich oft den Kopf frei“, sagt Berkholz. Die Macht des Wortes. Klingt abgedroschen, stimmt aber. Octopizzo wurde das spätestens bewusst, als ihn während des Wahlkampfs der heutige kenianische Präsident anrief und um Unterstützung bat. Weil die Kids auf ihn hören. Er lehnte ab. „Das hat mir nur noch mehr Fans beschert“, sagt er.

Festival Spoken Worlds, diverse Orte, 9. bis 12.4., Info: www.spokenworlds.literaturwerkstatt.org

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