Spoken Words : Reißend und mitreißend

Henry Rollins spricht fast drei Stunden lang im Berliner Huxley's, druckreif, ohne Pause, ohne einen Schluck Wasser. Der ehemalige Sänger von Black Flag erinnert an alte Hardcore-Zeiten und erzählt Anekdoten aus dem Einkaufszentrum.

von und H. P. Daniels, Tomasz Kurianowicz
Henry Rollins. Foto: dapd
Henry Rollins.Foto: dapd

Reißend:  Henry Rollins im Huxley’s
Wie ein Karatetrainer steht er in der Mitte der Bühne im Huxleys, umfasst das Mikrofon, wickelt das Kabel um die linke Hand und redet, redet, redet – wickelt seine Zuhörer um den kleinen Finger, mit Charme und Geschichten. Fast drei Stunden lang erzählt Henry Rollins ohne Pause. Ohne sich einen einzigen Erfrischungsschluck zu gönnen. Er spricht klar, fast druckreif, stolpert nicht über einen Satz, nicht über ein Wort, bleibt nie hängen im Fluss seiner Rede. Die ist reißend, mitreißend. Rollins nimmt sein Publikum mit auf exotische Reisen, in seine Gedankenwelt, kritische Überlegungen zu seiner Heimat USA. Politische Verhältnisse, Präsidenten, Bildungsmangel. Lässig und lustig erzählt er das, ohne Bekehrerambitionen. „Small snapshots of life". Da hängt alles zusammen, alles geht ineinander über, Themen und Storys: Erinnerungen an die Hardcore-Punk-Band Black Flag, deren Frontmann Rollins war. Eine Begegnung mit dem Schauspieler Dennis Hopper bei einer Vernissage des Musikers und Malers Captain Beefheart. Ein wahnwitziger Rundgang durch das amerikanische Mega-Einkaufszentrum Cosco. Der Besuch eines furiosen Gottesdienstes einer Pfingstgemeinde, bei dem in höchster Ekstase in Zungen gesprochen wird, Giftschlangen herumgereicht werden und der Pastor sich mit einer Goldtop-Les-Paul-Gitarre als einer der heißesten Gitarristen erweist, die Rollins je gehört hat.

Und jede Menge kurioser Begebenheiten während Rollins’ Reisen: Iran, Nordkorea, Vietnam, Tibet, Haiti, Kuba. Mit der rührend einfachen Botschaft: Überall auf der Welt sind die Menschen freundlich, wenn man ihnen so freundlich begegnet wie Henry Rollins.

Beherzt: Guy Braunstein und Andris Nelsons in der Philharmonie
Wo ist Guy Braunstein? Verkriecht sich anfangs fast in den Reihen seiner Geigerkollegen und stimmt ins Tutti von Brahms’ Violinkonzert ein, bevor er sich zum Solo-Einsatz nach vorne wagt. Das ist nicht Schüchternheit, sondern Werkauffassung – und Andris Nelsons am Pult der Berliner Philharmoniker zieht diese überzeugt, überzeugend mit durch. Das Ergebnis: eine vom Symphonischen her denkende Interpretation aus dialogischem Prinzip. Ein seltenes Geschenk – wird meist doch versucht, möglichst viel solistischen Saft aus diesem Werk zu pressen, das trotz höchster technischer Ansprüche keinen besitzt. Energetisch, unaffektiert huldigt Braunstein dem Ernst des ersten Satzes – und doch hat sein Spiel etwas Schwereloses. Herrlich, wie die Solo-Oboe ihm im Adagio vorgreift, bevor beide klanglich miteinander verschmelzen. Mit Freude bringt Nelsons das finale Rondo dann durch kleine Verzögerungen immer wieder in Schwung, während Braunstein auf jeden lackierten Showdown verzichtet. Uneitel „fiedelt“ er – im besten Sinne – dem Ende entgegen.

Energiegeladen, immer wieder zum Sprung ansetzend, wirft Nelsons sich auch in Richard Strauss’ „Heldenleben“. Lässt die Extreme von Kampf und Idylle schier ungebremst und offenen Auges aufeinander zurasen. In der Kollision liegt hier die Groteske – und ein Stück Erklärung für diese oftmals zu Unrecht belächelte Tondichtung.

Eisig: Mikhail Simonyans spielt Prokofjef im Konzerthaus
Der Bogen auf Mikhail Simonyans Geige sitzt so fest wie ein Pflug im russischen Schnee: Nichts kann ihn vom Weg abbringen, da kann das Licht im kleinen Saal des Konzerthauses so oft an- und ausgehen, wie es will: Die Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 von Johannes Brahms spielt der 1986 geborene Russe ohne mit der Wimper zu zucken, stimmungsvoll und souverän wie ein Tanzstück. Doch der Mann aus Novosibirsk hat noch Größeres vor. Das merkt man, als er in die Entstehung von Prokofjews Violinsonate Nr. 1 einführt. Prokofjew habe darin das Jahr 1937 darzustellen versucht, ein besonders schreckliches Jahr in der Terrorgeschichte der Sowjetunion. Insofern solle man sich nicht beklagen! Im Vergleich zu den Temperaturen in einem sibirischen Gulag fühlen sich die fünf Grad unter Null in Berlin wie ein Sommerlüftchen an.

Der Russe steigert sich in die düstere, hoffnungslose Musik wie ein Getriebener hinein, zusammen mit seiner flink agierenden Pianistin Anna Kirichenko. Simonyan mutiert zum Väterchen Frost, stampft beim Spielen auf, spielt auf seiner Geige die dunkelsten, abgründigsten Töne, damit man sich das Eis vor Moskauer Fenstern vorstellen kann, an die Prokofjew beim Komponieren gedacht haben soll. Karol Szymanowskis Tarantella ist da ganz anders: ein rasantes, typisch spätromantisches Exerzierstück, das Simonyan als optimistischen Ausklang an den Schluss setzt. Jetzt wird einem etwas wärmer ums Herz.

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