Kultur : Spontan? Stillgehalten!

FOTOGRAFIE

Nicola Kuhn

Das Café, die perfekte Bühne: Exaltiert wirft die Schöne ihren Blondschopf zurück und lächelt ihren Verehrer an, während sie mit der Rechten, die zugleich eine Zigarette hält, eine Strähne hinters Ohr schiebt. Was wie eine spontane Szene wirken soll, erscheint doch wie eingefroren. Denn die Protagonisten wissen um ihre Beobachter – und um den Mann hinter dem Stativ. Als Brassai um 1932 diese Momentaufnahme in einem Café im Pariser Quartier Italie machte, arbeitete er noch mit der Plattenkamera. Die Bewegungen mussten wie fixiert sein, damit seine Bilder scharf werden konnten.

Brassais Fotografien haben unsere Vorstellung von Paris bei Nacht geprägt: die Freudenmädchen in Pose, Gauner vor dem nächsten Coup, der von den Quais der Seine aufsteigende Nebel, die Neonschriften vom „Moulin Rouge“, die Boulevards im Licht der Gaslaternen. Obwohl die Aufnahmen aus den Dreißigerjahren stammen, vermitteln sie eine Stimmung der Jahrhundertwende. Brassai verlieh der Stadt ein Flair, das sie längst nicht mehr hatte: Als Emigrant warf er einen sentimentalen Blick auf die Metropole im Umbruch. Wie sehr der gebürtige Ungar die französische Kapitale zu seiner Stadt machen wollte, lässt sich auch am Namen ablesen, den er sich in Anlehnung an seinen Heimatort Brasso zulegte. Dabei war Paris bereits die zweite Station seines Exils. Von 1920 bis 1922 hatte Brassai in Charlottenburg an der Hochschule der Künste studiert, sich dann in Paris auf den Journalismus und das Fotografieren verlegt.

Ein gigantisches Konvolut an Fotografien, Skulpturen und Zeichnungen, die der Künstler inspiriert von den Surrealisten schuf, übernahm 1984 nach seinem Tod das Pariser Centre Pompidou. Seit der Nachlass aufgearbeitet ist, gehen die wichtigsten Werke nun auf Tournee. Von Wien aus ist die Schau jetzt im Kunstmuseum Wolfsburg angelangt („Das Auge von Paris“, bis 21. März). Und Berlin? Erstaunlicherweise fehlen dem Foto-Kurator des Pompidou hier die Ansprechpartner; die heftige Debatte um ein „Centrum für Photographie“ hat offensichtlich den Blick für das bereits Mögliche, für Gastausstellungen verstellt. Um Brassai in Augenschein zu nehmen, muss das Berliner Publikum also eine Zugreisestunde investieren. Der kurze Weg lohnt sich allemal: und sei es zur Auffrischung von Pariser Sentimentalitäten.

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