Kultur : Spot auf die Seele

41 Jahre nach Le Corbusiers Tod ist in Firminy bei Lyon sein letzter Kirchenentwurf vollendet worden

Frank Thinius

Der kleine französische Ort Firminy hat zwei Gesichter. Das eine Firminy ist ein verschlafenes Bergarbeiterstädtchen südwestlich von Lyon, das eine Menge gebauter Hässlichkeiten besitzt. Das andere eine Pilgerstätte für Architekturliebhaber. Ein in Europa einzigartiges Ensemble von Bauten Le Corbusiers, der mit seinen revolutionären Raumschöpfungen wie kein Zweiter die Entwicklung der modernen Architektur prägte. Ein Jugend- und Kulturhaus gehört dazu, das auf einer Anhöhe scharfkantig und sichtbetonschroff in den Himmel ragt. Ein Stadion, das dem Bau zu Füßen liegt. Und eine Unité d’Habitation, eines von weltweit fünf Wohnhochhäusern Le Corbusiers, das etwas entfernt auf einem Hügel thront. Der architektonische Höhepunkt des Ensembles aber ist neu und liegt unterhalb des Stadions: die monolithische Betonskulptur der Kirche Saint-Pierre. Sie war eines der letzten Projekte des französischen Architekten, über dessen Planung er 1965 verstarb und das nun von seinem ehemaligen Mitarbeiter José Oubrerie vollendet wurde – 41 Jahre nach Le Corbusiers Tod.

Ein Präzedenzfall in der Geschichte der modernen Architektur, dessen Ergebnis eine Sensation ist. So kraftvoll und zeitgemäß und doch über alle Moden erhaben ist der Bau. Oubrerie selbst gibt sich unbeeindruckt, doch man merkt, es freut ihn, wenn er nun Fanpost erhält – etwa von dem niederländischen Betonvirtuosen Ben van Berkel, dessen gewagte Bauten Le Corbusier einige Inspiration verdanken. Das Ergebnis seiner Arbeit überzeugt auch Skeptiker wie den Architekturhistoriker Gilles Ragot, beauftragt von den Gralshütern des Architekten, der Fondation Le Corbusier, die Authentizität der Kirche zu begutachten. „Wunderbar“, entfuhr es ihm bei der Besichtigung, „ganz im Geiste Le Corbusiers.“

Mögen auch kleine Änderungen am Ursprungskonzept, etwa die zweite Fluchttreppe oder ein ergänzter Balkon, verändertem Baurecht oder der eigenmächtigen Planung Oubreries geschuldet sein: Der kompakte Sichtbetonbau ist der Schlusspunkt der Corbusier’schen Architektursyntax. Aus ihm spricht ein letztes Mal der Poet und Rationalist Le Corbusier, der bei all seinen Forderungen nach „Wohn-Maschinen“ und Lobpreisungen der Ingenieurbaukunst doch immer nur daran interessiert war, wie die Idee die Geometrie überhöht. Sie entlässt aus der Rolle reiner Pflichterfüllung, um Idealräume für Menschen zu schaffen.

Die Idee von Saint-Pierre ist vermeintlich einfach, die Projektion eines Kreises auf ein Quadrat. Umso komplexer ist ihre räumliche Wirkung. Auf dem quadratischen Unterbau mit Räumen für die Pfarrei verjüngt sich eine Pyramide mit abgerundeten Ecken zu einer schrägen Schnittfläche. Auf halber Höhe dieser Schräge umschreibt dasselbe – gedachte – Quadrat den Baukörper, dessen freie Form aus dem Nachhall der reinen Geometrie elementare Kraft bezieht. Außen akzentuieren ein aus der Ostwand hervortretender Bogen, die Konsole für das zarte Kreuz und das umlaufende Betonband der Regenrinne den nackten Baukörper. Letztere verbirgt eine Naht mit Lichtschlitzen. So durchdringen nur drei „Lichtkanonen“ sichtbar die geschlossene Kirchenhülle, eine in der lotrecht stehenden Westwand, zwei in der nach Süden orientierten Dachschräge.

Wer die Kirche durch das Hauptportal am Ende der um den Sockel geschwungenen Rampe betritt, befindet sich zunächst im Halbdunkel des intimen Kappellenraums unter der Empore. Dann steht der Betrachter vor der mächtigen, ihm zugeneigten Betonwand hinter dem Altar, die mit ihren funkelnden kleinen Öffnungen wie ein Sternenhimmel wirkt. Unweigerlich wird der Blick nach oben gezogen. Dort leuchten die Lichtkanonen einen fast unwirklich scheinenden, trichterförmigen Sakralraum aus, den nur die Betonnähte auf den glatten Wänden als sichtbare Spuren seiner weltlichen Entstehung auf subtile Weise erden.

Wie schon bei seiner berühmten Wallfahrtskirche in Ronchamp und der Klosterkirche des Konvents Sainte Marie de la Tourette in Eveux schrieb der bekennende Atheist Le Corbusier auch die Partitur von Saint-Pierre mit Licht und Beton. Dabei loten die drei Spots nicht nur einen einzigartigen Kirchenraum aus, sondern gleichsam auch die Seele des Betrachters. So wird der Betondom zum Resonanzraum innerer Stimmungen. Da scheint es fast nebensächlich, dass der Bau nach der Einweihung Ende November nicht als Kirche genutzt werden wird, sondern architekturtouristisch vermarktet und im Untergeschoss vom Museum für moderne Kunst des benachbarten Saint-Etienne bespielt. „In diesem Raum ist man ganz bei sich, das ist entscheidend“, findet Oubrerie, der jahrzehntelang für die Verwirklichung kämpfte.

Le Corbusier hinterließ nur eine Handvoll schematischer Pläne der Kirche und ein letztes Modell, das er gemeinsam mit Oubrerie gebaut hatte. Dieses nahm Oubrerie als Grundlage für die Baupläne. Dank der Unterstützung von Industriellen und Künstlern kam es trotz großer Finanzierungsnöte 1970 tatsächlich zur Grundsteinlegung. Als acht Jahre später die Bauarbeiten eingestellt wurden, stand von Saint-Pierre lediglich der Sockel mit einem Ansatz des Kirchenkörpers. Erst als 2003 die Kommune des Großraums Saint-Etienne die Finanzierung übernahm, konnte Oubrerie, der seit über 20 Jahren in den USA lebt, die Vollendung in Angriff nehmen. Für ihn war der Bau eine letzte Prüfung. „Nun habe ich meine Ausbildung beendet“, sagt der 73-Jährige, der sein Architekturstudium abbrach, um mit Le Corbusier zu arbeiten. „Vielleicht bekomme ich jetzt ja einen Abschluss.“ Verdient hätte er ihn.

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