Kultur : Spottlust einer Dichterin

In ihrer Korrespondenz spielte die Bachmann gern mit ihrer intellektuellen Überlegenheit gegenüber berühmten Partnern

Sigrid Weigel

Heute wäre Ingeborg Bachmann, die poeta assoluta der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, 80 Jahre alt geworden – wenn sie nicht 47-jährig an den Verletzungen eines Brandunfalls gestorben wäre. Dem Versuch, sich „die Bachmann“ als Achtzigjährige vorzustellen, stehen die überlieferten Bilder im Wege: jenes der jugendlichen österreichischen Dichterin, der der „Spiegel“ bereits 1954 eine Titelstory widmete. Jene auch von den öffentlichen Auftritten der Grande Dame um 1960, als der deutsche Literaturbetrieb zu seinem großen Jahrzehnt aufbrach. Oder auch die Bilder der „tragischen“ Schriftstellerin, die sich nach den großen Erfolgen für Jahre aus dem Betrieb zurückgezogen hatte, um 1971 mit „Malina“ zu überraschen. Als erster Teil des Zyklus „Todesarten“ stellte der Roman sich in eine Tradition, die mit Namen wie Balzac, Proust und Musil längst untergegangen schien.

Was alles wohl hätte Bachmann noch veröffentlicht, wenn ihr ein längeres Leben beschieden gewesen wäre! Umfangreiche, von ihr als nicht publikationsreif bewertete Entwürfe sind inzwischen zugänglich. Dabei übertreffen sogar die von ihr verworfenen Fragmente das meiste von dem, was andere nach ihr publizierten. Zu ihren Hinterlassenschaften zählen auch unzählige Briefe, in denen ein ganz anderes Bild sichtbar wird. Ein Teil befindet sich im gesperrten Teil ihres Nachlasses in der Wiener Nationalbibliothek, ein anderer ist zerstreut in den Händen oder Nachlässen ihrer Briefpartner.

Aus diesen Briefen sind noch manche Überraschungen zu erwarten – so wie der Briefwechsel mit Hans Werner Henze, der vor zwei Jahren veröffentlicht wurde. Kurz nachdem die beiden sich 1953 beim Herbsttreffen der Gruppe 47 kennen gelernt hatten, folgte die Dichterin dem gleichaltrigen, erfolgreichen Komponisten nach Ischia und Neapel. Aus der engen Freundschaft gingen eine Reihe gemeinsamer Arbeiten hervor, neben den Opern „Prinz von Homburg“ und „Der Junge Lord“ die „Nachtstücke und Arien“. Das alles war bekannt – aber wer wusste von der Emphase und den Enttäuschungen, von der Intimität und den Irritationen beim Versuch des ungleichen Paars, ein Paar zu werden? Zwar werden selbst in einer poetischen Sprache, der jede direkte Darstellung von Freunden als Tabubruch gilt, verschwiegenere Lebensspuren lesbar; aus ihrer letzten Erzählung „Drei Wege zum See“ lässt sich einiges erahnen, was nun im Klartext nachlesbar ist. Doch erschließen sich gerade die Briefe Bachmanns nicht immer unmittelbar. Nicht nur hat sie mit jedem ihrer Briefpartner in einem eigenen Ton kommuniziert und so jede ihrer Freundschaften exklusiv gehalten. Sie pflegte darin oft auch einen Stil witziger Anspielungen, polemischer und (selbst-)ironischer Kommentare.

Der hier abgedruckte Brief, der dem Nachlass Wolfgang Hildesheimers (Akademie der Künste Berlin) entstammt, gehört in die Zeit der engen Zusammenarbeit mit Henze. Durch dessen Autounfall lässt sich die nonchalante Datierung auf Mai/Juni 1956 eingrenzen. Bachmanns Rede vom „harten“ und „strengen“ Training erschließt sich, wenn man im publizierten Briefwechsel etwa diese Zeilen aus Henzes Rekonvaleszenz an die „liebe Bachmanita“ liest: „arbeite, arbeite. küsse hans“. Viel sprechender aber noch ist diese Wendung in einem Brief an Hildesheimer über Henze: Er „konsumiert zum Frühstück jetzt täglich einen Bachmannessay, um sich zu bilden, und sieht bedenklich blass aus in letzter Zeit.“

Was hier witzig daherkommt, die intellektuelle Überlegenheit Bachmanns, die offenbar all ihren männlichen Partnern zum Problem wurde, zeigt ihre abgründige Kehrseite in jenen Passagen von Max Frischs „Montauk“, wo er über die Philosophin Bachmann spricht. Nur im Fall von Frisch ist es Bachmann nicht gelungen, sich die Kränkungen durch Ironie vom Leibe zu halten.

Im Briefwechsel mit Hildesheimer nutzte sie den Witz extensiv, um gegenüber der deutschtümelnden Atmosphäre in der Gruppe 47 auf Abstand zu gehen. Den abgründigen Ernst dieser Ironie hat sich die Autorin vermutlich erst später bewusst gemacht. Beim Versuch, 1961 auf Bitten des Gründungsvaters der Gruppe, Hans Werner Richter, einen Beitrag zum Jubiläumsband zu schreiben, erinnerte sie ihre erste Begegnung mit der nachkriegsdeutschen Runde: „Am zweiten Tag wollte ich abreisen, weil ein Gespräch, dessen Voraussetzungen ich nicht kannte, mich plötzlich denken ließ, ich sei unter deutsche Nazis gefallen.“ Der hier abbrechende Bericht ist nicht in den Jubiläumsband eingegangen.

Überhaupt folgte Bachmanns ironische Verständigung mit dem Kollegen, so beiläufig sie daherkommt, der Freud’schen Witzstruktur: als Sprache, die im Bewusstsein des Tabus ihre Affekte dennoch zum Ausdruck bringt. Dieser Briefton ist zugleich ein Experimentierfeld für jenen Witz, der erst sehr viel später auch in Bachmanns Literatur eingegangen ist, etwa in die Episode vom Briefträger Kranewitzer, der angesichts des Briefgeheimnisses fortan nicht mehr in der Lage ist, Briefe auszutragen („Malina“); oder in die Geschichte von Beatrix, die ihre Kurzsichtigkeit lebensklug dazu nutzt, sich böse Einsichten zu ersparen (Simultan). Den Witz der Ingeborg Bachmann gilt es erst noch zu entdecken.

Die Autorin ist Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin. Eine Taschenbuchausgabe ihrer Studie „Ingeborg Bachmann – Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses“ ist bei dtv erschienen.

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