Kultur : Sprache der Augen

Veteranen-Porträts: „Kriegsspuren“ – eine Fotoausstellung in Berlin

Annika Hennebach

Hübsch gereiht hängen die Porträts nebeneinander, ganz wie in einer Gemäldegalerie. Unabhängig von ihrer Nationalität finden sich in Karlshorst – dem Ort, wo die Kapitulation unterschrieben wurde – deutsche und russische Kriegsveteranen nach 60 Jahren gemeinsam wieder. Es sind die ehemaligen Feinde der Ostfront – letzte Zeitzeugen der Kämpfe zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion in den Jahren 1941 bis 1945, die der Fotograf Martin Hertrampf in den vergangenen fünf Jahren aufsuchte. Über 100 Veteranen traf der Künstler, führte Gespräche über ihre Erfahrungen und Erlebnisse im Krieg, um anschließend ein klassisches Schwarz-Weiß-Porträt von jedem Einzelnen aufzunehmen. Zusammen mit den Tonaufnahmen der Gesprächsprotokolle und privatem historischem Material wie Erinnerungsfotos und Orden zeigt das Deutsch-Russische Museum in der Ausstellung „Kriegsspuren“ 35 dieser Fotografien.

Eindrucksvoll ruhig wirken die Aufnahmen, die Hertrampf – Schüler von Arno Fischer und Timm Rauter – von den alten Männern gemacht hat. Jeweils am Lebensort des Veteranen nach der persönlichen Begegnung aufgenommen, ohne künstliches Licht, mit einer Mittelformatkamera. Scharf im Vordergrund stehen die Gesichter von Männern, die als junge Frontkämpfer bis zum Sieg ganz ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Ob Deutscher oder Russe, sie alle berichten in den Tondokumenten von der Grausamkeit des Krieges im Osten, von Hunger, Kälte und Tod. „Da waren schreckliche Kämpfe . . . die waren erbarmungslos“, sagt ein ehemaliger russischer Soldat. Oder ein anderer: „Die Erinnerungen sind sehr schlecht, sehr schlecht. Da sind viele Menschen verschwunden dort, weg, verstehen Sie, die sind weg.“ Und ein deutscher Hauptmann erinnert sich: „Es wurden moderne Waffen eingesetzt von unserer Seite, die den Russen praktisch den Atem wegnahmen, innerlich die Leber zerrissen, deshalb haben wir auch sehr viel Tote auf der anderen Seite wie lebend liegen gesehen.“

In diese kollektiven Kriegserfahrungen spielen die jeweils nationalen hinein – je nach dem, ob für Hitler oder Stalin gekämpft wurde. Geschichte hat sich in diese Gesichter eingeschrieben: Falten, Narben und Mundwinkel, vor allem jedoch die Augen der Porträtierten sprechen vom Krieg. Die Blicke sind kämpferisch oder milde, verletzlich, hart oder einfach freundlich. Manchmal aus nur einem Auge.

Vieles ist auch aus der Haltung der Körper lesbar. Die Siegermentalität der Russen zeigt sich oft an den Orden, die sie stolz an ihrer Brust tragen. Andererseits verdeutlichen ihre Gesichter oder Kleidungsstücke auch eine andere Geschichte der Nachkriegs-Sowjetunion, die das Land und seine Bewohner wirtschaftlich zu Verlierern gemacht hat. In einigen Fällen jedoch ist eine klare Differenzierung zwischen Russisch oder Deutsch nicht möglich. Da verrät nur der anonyme Fotohinweis mit Angabe von Aufnahmeort und -jahr die Nationalität dieser letzten Zeitzeugen.

Martin Hertrampf erschuf mit seiner subtilen Dokumentation von Kriegsfolgen am Menschen selbst ein ähnlich enzyklopädisches Projekt, wie August Sander es mit seinen Fotografien von Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts begründet hat. Auch „Kriegsspuren“ sieht die Porträtierten als Repräsentanten ihrer Zeit – und hält realistisch, ungeschönt und für sich stehend eine aussterbende Kriegsgeneration fotografisch fest.

Es kam biografisch zum spätestmöglichen Zeitpunkt; viele der Porträtierten sind inzwischen verstorben. Andererseits hätte das Projekt früher womöglich kaum zustande kommen können. Denn erst im Alter waren die Männer bereit, so über ihre Vergangenheit zu sprechen und sich für eine gemeinsame Ausstellung porträtieren zu lassen. Ein ehemaliger Oberleutnant der Roten Armee formuliert es heute so: „Ihr habt geschossen, und wir haben geschossen. Ihr habt getötet, und wir haben getötet. Das widerspricht der Natur des Menschen – dem Leben. Wir sind alte Männer. Sehen Sie, jetzt haben wir verstanden, daß dieser Krieg nicht nötig war. Nicht für euch und nicht für uns.“

Bis 19. Februar, Museum Berlin-Karlshorst, Zwieseler Str. 4, Di–So 10–18 Uhr. Katalog 16 €

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