Kultur : Sprache der Politiker: "Harte Worte befriedigen einfaches Denken"

Herr Jäger[wa],machen sich Politiker bewusst[wa]

Siegfried Jäger (64) ist Professor am Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS).

Herr Jäger, machen sich Politiker bewusst, was Sprache bewirken kann?

Ich denke, dass sie das zu wenig tun. Wobei ich unter Sprache nicht nur eine Aneinanderreihung von Wörtern verstehe. Von größter Bedeutung ist das mit Hilfe von Sprache vermittelte Wissen. Genau diese Tatsache ist den wenigsten Politikern bewusst.

Haben Sie ein Beispiel?

Das Hinzufügen der wenigen Worte zur Eröffnungsformel der Olympischen Spiele durch US-Präsident Bush hat ein ungeheures Gewicht gehabt. Denn entgegen den Vereinbarungen hat hier ein Politiker versucht, die Olympischen Spiele für seine Zwecke zu politisieren. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie vorsichtig Politiker sein sollten.

Wenn Politiker schon nicht bewusst mit Sprache umgehen, setzen sie denn Beleidigungen bewusst ein, um Aufmerksamkeit zu erzielen?

Das ist nicht auszuschließen. In der politischen Auseinandersetzung haben Provokationen durchaus ihren Platz. Wenn Sie auf die Stiegler-Äußerungen anspielen, kann ich das aus der Situation heraus gut verstehen.

Hat die Sprache der Politiker Auswirkungen auf den allgemeinen Sprachgebrauch? Beispiel das Wort "Asylant".

Natürlich. Hier spielen natürlich auch die Medien eine ungeheure Rolle. Das Wort "Asylant" ist eine sprachliche Neubildung, die Ende der 80er Jahre ausgehend von der Politik durch die Medien übermittelt wurde und in den Alltag einsickerte. Mit der Zeit hat es eine absolut negative Bedeutung angenommen. Die Kritik daran ist so stark geworden, dass das Wort kaum noch auftaucht. Das Wort "Asylbewerber" ist an seine Stelle getreten, hat aber die gleiche negative Bedeutung. Es gibt niemals feste Definitionen, die in den Wörtern transportiert werden.

Im Afghanistan-Krieg hat es wieder viele "Operationen" und "chirurgische Eingriffe" gegeben? Verharmlost Politik die Realität?

Die Politik verschiebt die tatsächliche Dramatik. Gerade die Sprache im Krieg trägt dazu bei, dass keine stärkere Kritik am Führen des Krieges geübt wird. Die Kriege finden scheinbar außerhalb unserer Sphären statt. Da tragen Wörter wie "Kollateralschaden" dazu bei, die Menschen zu verunsichern...

..und zu desinformieren?

Das auch. Aber vor allen Dingen werden Ohnmachts- und Zerrissenheitsgefühle erzeugt. Als beim Nato-Krieg in Jugoslawien Vergleiche mit dem Faschismus und Auschwitz herangezogen wurden, hat das viele Leute davon abgelenkt, dass es sich hier zwar um ein grausames Geschehen handelte, das aber mit den Verbrechen des Dritten Reiches überhaupt nicht zu vergleichen war.

Morgen ist wieder Politischer Aschermittwoch. Es muss mit verbalen Exzessen gerechnet werden. Amüsiert sich ein Sprachwissenschaftler oder schüttelt er nur den Kopf?

Die Parteien wollen damit ihr Fußvolk um sich scharen und greifen im karnevalistischen Nachrausch zu harten Worten, um das einfache Denken zu befriedigen. Den Kopf schüttele ich woanders. Zum Beispiel beim Wort "Globalisierung". Es handelt sich dabei um eine "Politik der Globalisierung". Die Globalisierung ist kein Naturereignis, sondern ein Konzept, das von den westlichen Industrienationen bewusst durchzusetzen versucht wird. Das sind die Feinheiten.

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