Kultur : Sprache der Seele

BORIS KEHRMANN

Pietro Metastasios 300.Geburtstag läßt sich nur auf eine Weise feiern: indem man seine Opern aufführt.Und zwar szenisch.27 Libretti schrieb der Wiener Hofpoet, über 800 mal wurden sie von verschiedenen Komponisten vertont.Aus diesem Fundus wählte die Akademie für Alte Musik beim Abschlußkonzert der Tage für Alte Musik im Schauspielhaus aus, was bei gleichbleibendem Stimmton von 430 Hertz historisch vertretbar zu spielen ist: Vertonungen von Gluck (1750), Johann Christian Bach (1760), Mozart (1781) und Haydn (1795).

Was ein Porträt des Dramatikers nicht werden konnte, wurde so ein Porträt des großen Stilwandels in der Musik zwischen 1750 und 1800.Ablesbar etwa an der Besetzung des Orchesters, das immer größer und selbständiger wird: zu Oboen und Hörnern in Glucks "Ezio"-Ouvertüre trat die Soloflöte im empfindsamen Mittelteil der Ouvertüre zu J.C.Bachs "Artaserse", dazu Klarinetten bei Mozart und Haydn.Auch konnten sich die bürgerlichen Klassiker aus freien Stück nicht mehr dazu entschließen, ganze Dramen des alten Dichters zu komponieren.Sie lösten dramatische Schlüsselszenen, Höhepunkte psychologischer Verdichtung aus dem Werkganzen heraus und vertonten sie als selbständige Konzertarien und Kantaten.Hier, in Haydns Kantate "Berenice, che fai" nach einer Szene aus Metastasios "Antigono" (sic!) und Mozarts Konzertarie "Ah! Non son io che parlo!" aus "Ezio", war Véronique Gens mit ihrem zart verschatteten, nicht schweren und doch gut fokussierten Sopran in ihrem ureigensten Element.Ihr Timbre spricht die Sprache der schutzlos offenliegenden Seele, ihre Gestaltung verbindet die Stärke intellektueller Disziplin mit der Weichheit einer empfindsamen Natur, Voraussetzungen, die sie zur idealen Interpretin der minuziösen Schattierungen Mozartscher und Haydnscher Psychologie machen.Nicht im selben Maße kamen Werk und Interpretin in der extrovertierteren Vertonung derselben "Ezio"-Szene durch Gluck zum Einklang.Dafür schlug die Akademie für Alte Musik überraschend einen Bogen vom Furien-Topos der gepeitschten Streicherfiguren bei Gluck zu Mozarts aufgewühlter g-Moll-Sinfonie KV 550 und stellte den oft zur Konfekt-Reklame versüßlichten Evergreen in einer ebenso rasanten wie virtuosen Deutung vor.

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