Kultur : Sprache des Herzens

Zum 80. Geburtstag des Tenors Nicolai Gedda

Frederik Hanssen

An einem Frühlingsnachmittag im Jahr 1951 klingelt der Postbote bei Herbert von Karajan und überbringt ein Telegramm: „Hörte gerade den größten Mozart-Sänger meines Lebens: Sein Name ist Nicolai Gedda.“ Absender der euphorischen Botschaft ist der mächtige Klassikproduzent Walter Legge. Von da an kann die Karriere des 26-jährigen Stockholmer Bankangestellten nur noch einen Weg nehmen: steil nach oben. Mozart wird allerdings nicht die Hauptrolle in seinem Sängerleben spielen – verehrt wird Nicolai Gedda bis heute für seine Interpretationen französischer Opern. Wobei Geddas stilistische Bandbreite noch größer ist als die des vielseitigen Placido Domingo: von Bachs Matthäuspassion über die Operette bis zu Charpentiers „Louise“, von Adolphe Adams „Postillon von Lonjumeau“ bis zu Pfitzners „Palestrina“. Nur den Lohengrin, den er 1966 dreimal in Stockholm ausprobiert hatte, traute sich Gedda in Bayreuth dann doch nicht zu.

Nicolai Gedda war kein Wunschkind. Die Eltern wollten ihn ins Heim geben – doch seine Tante entschließt sich, den Jungen aufzuziehen. Sie heiratet einen Russen, der eine Stelle als Kantor in Leipzig findet. Kurz nach der Machtergreifung der Nazis kehrt die Familie jedoch nach Stockholm zurück. Dreisprachig aufgewachsen, lernt Gedda bald auch Italienisch – und Französisch, das seinem hellen Tenor besonders liegt. Im Gegensatz zu den meisten Sängern, denen es genügt, ihre fremdsprachigen Partien phonetisch zu beherrschen, wollte Nicolai Gedda die Sprachen immer auch sprechen, in denen er singt.

Stets gelingt es ihm, vokale Eleganz mit absoluter Glaubwürdigkeit zu verbinden, wie in der Klosterszene aus der 1962er Massenet-„Manon“ unter Georges Prêtre: Das Rezitativ gestaltet er als Selbstgespräch eines verwirrten jungen Mannes, der sich vor seiner fatalen Liebe ins Kloster flüchtet. In der Arie wird Des Grieux (und mit ihm der Hörer) von den Gefühlen für Manon überwältigt, im ParlandoMittelteil bezwingt Gedda sich noch einmal, während Orgelakkorde erklingen – um dann mit meisterhaft gestalteten Crescendo erneut fortgetragen zu werden.

Zum Opernstar der Massen taugte Nicolai Gedda nie: Dazu ist seine Stimme weder sinnlich noch üppig genug. Für seine aristokratische Stilsicherheit, sein makelloses Legato, seine wundervolle Textverständlichkeit aber wird der hochgewachsene Schwede von den Kennern in den Himmel gehoben, zur Rechten Jussi Björlings. Nur einen Vorwurf machen ihm die Stimmspezialisten Jürgen Kesting und Jens Malte Fischer: Dass er nicht rechtzeitig aufhören konnte. Heute wird Nicolai Gedda 80 Jahre alt.

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