Kultur : Sprache macht krank

Ben Marcus’ Sci-Fi-Thriller „Flammenalphabet“.

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Sprache sei für ihn, so der amerikanische Schriftsteller Ben Marcus, „in hohem Maße eine Technik, unmittelbar auszusprechen, was wir denken und fühlen“. Ob diese Technik nicht auch vielfältige Gefahren birgt, weil Schweigen zum Beispiel manchmal besser ist, dazu sagte er nichts. Vielleicht weil er die Idee hatte, einen Roman darüber zu schreiben, dass Sprache krank macht.

„Flammenalphabet“ heißt dieser Roman. Darin breitet sich die Sprachkrankheit epidemisch aus, ausgehend von Kindern, die selber nicht betroffen sind, aber ihre Eltern infizieren. Sam und seine Frau Claire haben keine Chance: „In den Monaten vor unserer Abfahrt kam das meiste, was uns erkranken ließ, aus dem Mund unserer süßen Tochter.“ Das ist das Dilemma: Die eigenen Kinder sorgen für die Todesgefahr. Umso schwerer ist es, sie in einem Quarantäne-Gebiet sich selbst zu überlassen. Sam und Claire bleibt nichts anderes übrig. Als Claire auf der Strecke bleibt, findet sich Sam in einem Versuchslabor wieder, wo er an einem Gegengift arbeiten muss. Er scheitert, denn ein Teufel namens Le Bov macht ihm das Leben schwer. Le Bov ist mal Opfer, mal Täter, mal Vater von vier Kindern, mal bösartiger Wissenschaftler. Und er weiß: „Auch Verstehen hat seinen Preis. Es ist selbst eine verfickte Krankheit.“ Dieser Satz passt gut zu diesem Roman, in dem es zudem die Sekte der „Waldjuden“ gibt, verzweigte Tunnelsysteme und einen potenziell lebensrettenden Buchstaben, „dessen Existenz, nur durch die anderen Buchstaben abgeleitet werden konnte.“

Klar ist jedoch: Man kann in keiner Welt leben, in der Sprache tödlich ist. In der allein das Lesen eines Romans lebensgefährlich werden kann, in der nur ein von Kindern abgezapftes Serum kurzzeitige Immunität gegen die Sprachvergiftung verschafft. Zumal dieses Buch einfach zu lesen ist. Marcus ist zwar ein experimenteller Schriftsteller. Sprache ist für ihn Material, der Stoff an sich, nicht Medium, um eine Geschichte zu erzählen.

Dieses Mal hat er sich aber für einen konventionellen, realistischen Erzählstil entschieden. Man kann „Flammenalphabet“ für einen Sci-Fi-Roman halten, einen dunklen, kafkaesken Thriller – wäre da nicht das Problem mit der Sprache. Mit der müssen wir uns tagtäglich auseinandersetzen. Gerrit Bartels

Ben Marcus

Flammenalphabet.

Roman. Aus dem

Amerikanischen

von Thomas Melle.

Verlag Hoffmann

und Campe,

Hamburg 2012.

430 Seiten, 22, 99 €.

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