Kultur : Sprachfragmente

REINER SCHWEINFURTH

Seit vielen Jahren beschäftigt sich Jobst Langhans mit der Schauspielphilosophie Michail Tschechows, mit Kompositionsanalyse, mit der schöpferischen Individualität, der psychologischen Geste - und wie wenig fruchtet diese Hingabe in einer konkreten Inszenierung! Samuel Becketts "Bruchstücke I und II" eignen sich gewiß zur geistigen Durchdringung auch im Sinne eines Rudolf Steiner, dessen Anthroposophie Tschechow schätzte und dem sich der Premierenort Forum Kreuzberg verpflichtet hat.Doch kommt es hier zu kapitalen Fehlern.Die Zufügung einer Fistelstimme zum Beispiel erweist sich für den musikalischen, blinden Einsiedler im ersten Bruchstück als klassische Blockade, die kein organisches Spiel mehr zuläßt.Das Verhältnis der beiden Figuren, die ihre Einsamkeit überwinden wollen, bleibt äußerlich, fügt der reduzierten Sprache keine Aura zu.Die Akteure Joachim Schlobben und Andreas Loos wollen Michail Tschechows Regeln möglichst richtig umsetzen und wirken dabei nur beflissen.

Im zweiten Bruchstück gewinnen sie als Beamte ein wenig Raum, wenn es darum geht, frei nach Kafka, einen potentiellen Selbstmörder doch endlich zum Vollzug seiner Absicht zu bringen.Der Schrecken über das Geheimnis der Existenz, den Beckett durch banales Blättern in Akten hervorruft und den er mit einem toten Vogel im Käfig zur fraglosen Tatsache erklärt - diese Gefahr dämmert der Inszenierung nicht einen Augenblick lang.Der interessante Versuch, sich mit einer mobilen Produktion an verschiedenen Orten in der Stadt zu zeigen, sich von keinem Dekor abhängig zu machen, mit der Essenz präsent zu sein, scheitert am mangelnden Mut, Becketts Text mit einem ausdrücklichen szenischen Modell (und sei es ein falsches) zu provozieren.

Wieder im Theaterforum Kreuzberg, Eisenbahnstraße 21, am 2., 3., 9., 10.11.; im Kulturhaus Spandau, Mauerstraße 6, am 4., 6., 7.11.; in der Schule an der Mauer, Dresdner Straße 113, am 13.und 14.11.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben