Kultur : Sprachinseln

Zum 70. Geburtstag der Schriftstellerin Elke Erb

Norbert Hummelt

„Die Haut ist müde, die Luft wie Staub, / der Sommertag taub“, beginnt eines der 5-Minuten-Notate in Elke Erbs neuem Buch „Sonanz“; ein Notat unter mehreren hundert. „Es begann aus dem Nichts mit keiner Überschrift, nur dem Datum“, beschreibt sie ihre seit 2002 erprobte Weise, in einem Zeitraum von exakt fünf Minuten Sätze zu Papier zu bringen, eine spontane Poesie zu erzeugen, die bleiben sollte. Das Wunder ist, dass die so entstandenen Texte ausgesprochen klar sind, klingend, zugänglich. Oft stellen sich Reime, Halbreime, Assonanzen ein, elementare Formen der Lyrik, um die Elke Erb sonst gern einen großen Bogen macht.

Denn nur eines lässt sich über ihre Literatur mit Sicherheit sagen: Sie hielt sich niemals an vorgängige sprachliche Muster. Mit Kurzprosa begann sie, und bis heute ist die Grenze zwischen der Tagebucheintragung und dem poetischen Text fließend. Jedes Buch ist ein neuer Aufbruch, eine Überprüfung der bisher gekannten Möglichkeiten des Schreibens, Sehens, Denkens. „Prozessuales Schreiben“ hat Erb selbst diese anspruchsvolle Kunst genannt, in der sie ihre Wahrnehmungsweise in Texte überführt. „Texte von Elke Erb haben immer etwas Unbedingtes, das uns herausfordert“, schrieb Gerhard Wolf im Vorwort zu dem Band „Vexierbild“ von 1983.

Mit einer solchen Radikalität des Hinterfragens geht selbstverständlich ein Verzicht auf die Segnungen des Marktes einher. Auch die großen Feuilleton-Debatten über DDR-Literatur erwähnten Elke Erb nicht, die weder eine „Kassandra“ geschrieben noch durch Ausreise nach der Biermann-Ausbürgerung auf sich aufmerksam gemacht hatte. Dafür beeinflusst sie seit jeher den Kreis der Eingeweihten, die jungen Dichter, die sich an ihrer sprachgewordenen Widerständigkeit ein Beispiel suchten. 1985 gab sie mit Sascha Anderson die Anthologie „Berührung ist nur eine Randerscheinung“ heraus, die die avantgardistische Literatur des Prenzlauer Bergs im Westen bekannt machte. Zur gleichen Zeit wirkte sie auch auf Autoren, die erst später zum Schreiben kamen. Für Jan Kuhlbrodt, der in Leipzig die Zeitschrift „Edit“ herausgibt, war „Vexierbild“ ein Erweckungserlebnis: „Die Texte stellten stets aufs Neue eine Unvoreingenommenheit in mir her, und das wollte in der von Gewissheiten überschütteten DDR-Kultur etwas heißen. Sie waren frisch, und ihre Ecken waren alles andere als klassisch rund. Es waren Sprachinseln, Wachstumsinseln.“

Aufgewachsen ist die wohl bedeutendste Dichterin des deutschen Ostens in der Eifel, in Scherbach, das heute zu Rheinbach gehört. Bis zu ihrem elften Lebensjahr wohnte sie in ländlicher Umgebung, erlebte Heuernten in Sommern, die sich tief einprägten, während der Vater im Krieg war. 1949 ging sie mit der Mutter nach Halle/Saale, wo der Vater Arbeit hatte. In einem Gespräch mit Gregor Laschen zum Huchel-Preis 1988 beschrieb Erb den Schritt in den Osten so: „Ich bin in den Überbau hineingegangen, als ob es mein Heimatboden sei, und es kam jetzt darauf an, in diesem Überbau, auf diesem Kopfboden zu leben.“

Das ging nur mit gewappnetem Intellekt. Im Germanistikstudium fühlte sie sich unwohl, versuchte es mit Psychologie, arbeitete als Lektorin und entschloss sich 1966 für die Laufbahn der freien Schriftstellerin. Erich Arendt erkannte ihr Talent, sie fand Anschluss im Kreis junger DDR-Dichter wie Karl Mickel und Heinz Czechowski; aus der Ehe mit Adolf Endler ging ein Sohn hervor. 1975 erschien ihr erstes Buch „Gutachten“ mit einem Vorwort von Sarah Kirsch.

Die Wende bedeutete im Schreiben dieser eigensinnigen Autorin keinen Einschnitt. Seit zehn Jahren erscheint ihr Werk im Verlag des Schweizer Herausgebers Urs Engeler. Bücher, die man kaum je von Anfang bis Ende liest, in denen man aber täglich blättern kann wie in einem Brevier, und dann macht man seine Funde. Es gehört zu den Geheimnissen ihrer Kunst, dass sich die unausgesetzte Reflexion, die Beobachtung der Welt, des Schreibens und des Beobachtens selbst, immer neu rückbindet an die Erfahrung des Ursprünglichen. Die Heuernten in der Eifel kehren subkutan als Erinnerungsschübe wieder, geben neue Impulse, ein Antidot zur urbanen Existenz im Häusermeer. Denn seit vielen Jahren verbringt die im Wedding wohnhafte Autorin ihre Sommer in Wuischke, einem Dorf in der Oberlausitz, im sorbischen Sprachgebiet. Heute feiert Elke Erb in Berlin ihren siebzigsten Geburtstag.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben