Kultur : Sprachkünstler

Schwarze Sonne: Ein Buch über Dimiter Gotscheff.

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Foto: Arno Declair
Foto: Arno Declair

Arbeitsbuch, das klingt wie: ab in die Produktion! Aber der Titel der Reihe täuscht, hier geht es um Kunst, und das große Format dieser Publikationen aus dem Verlag Theater der Zeit erlaubt den Druck schöner, großer, sprechender Bilder. Durcharbeiten muss man nichts, vielmehr hier lesen und dort blättern, sich amüsieren, das eigene Theatererleben prüfen und erweitern. Der jüngste Band ist dem Regisseur Dimiter Gotscheff gewidmet, den Freunde und Kollegen Mitko nennen und der kürzlich seinen 70. Geburtstag feierte. Es wurde auch Zeit, dass jemand einmal Gotscheff ausgiebig würdigt. Wahrscheinlich ist er, auch wenn solche Prädikate immer schwierig sind, der bedeutendste Inszenator des deutschen Theaters – und des Deutschen Theaters in Berlin sowieso.

Dort laufen immer noch Gotscheffs „Perser“ nach Aischylos, seit sieben Jahren die beste Aufführung, die irgendein hauptstädtisches Theater im Repertoire hat. Sie spielt hier im Buch auch eine große Rolle, schließlich spielt sich hier die Gotscheff-Family Margit Bendokat, Almut Zilcher, Samuel Finzi und Wolfram Koch gegenseitig an die berühmte Wand von Bühnenbildner Mark Lammert. Es ist die Spitze eines mächtigen Werk-Bergs von Inszenierungen in Deutschland (Ost und West) seit 1976, und Heiner Müller immer irgendwie dabei. Tolle alte Fotos sind in dem Band, die den Betrachter melancholisch stimmen können. Da war was, da ging es um was! Dazu Essays von Theorie-Gewichten wie Hans-Thies Lehmann und Frank Raddatz – und ein unterhaltsames Gespräch, das Michael Eberth mit Gotscheff, Finzi und Koch geführt hat. Es sind die Schauspieler überhaupt, die in diesem Buch den Ton angeben, ob Bibiana Beglau, Josef Bierbichler, Jens Harzer oder Bernd Grawert. Wolfram Koch steuert seine (und Mitkos) Lieblingswitze bei. Natürlich so schlechte, dass sie schon wieder gut sind.

Wie Heiner Müller, beschäftigt sich Dimiter Gotscheff sein Leben lang mit der antiken Tragödie. Was vielleicht darin begründet ist, dass er aus Bulgarien stammt, jenem Land, das die Heimat von Orpheus war, des Sängers, der die Unterwelt besuchte. Gotscheffs Kunst ist die Sprache, die deutsche Sprache, es gibt nicht viele Regisseure, von denen man das behaupten kann. „Dunkel das uns blendet“ – ein poetisch-starkes Motto für ein Arbeitsbuch über Dimiter Gotscheff, dem auf DVD ein 60-minütiges Gotscheff-Porträt von Ivan Panteleev beiliegt. Am Sonntag um 20 Uhr 30 wird das Buch (184 Seiten, 18 €) im Deutschen Theater vorgestellt, im Anschluss an die Vorstellung von Heiner Müllers mörderischer „Hamletmaschine“, die Dimiter Gotscheff als Akteur im Alleingang zum Laufen bringt. Rüdiger Schaper

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