Kultur : Sprachlos

Russischer Weltkriegsfilm: das Drama „Franz & Polina“

Jens Mühling

Ein paar Feinheiten dieses Films verlieren sich in der Übersetzung. Der gestrandete Wehrmachtssoldat zum Beispiel, der sich still einem weißrussischen Flüchtlingszug anschließt: Eine junge Frau gibt ihn als ihren stummen Bruder aus, damit niemand ihn als Deutschen erkennt. Deutscher, das heißt auf Russisch nemez – der Stumme. So wurden die Deutschen einst getauft, weil sie kein Russisch sprachen. Hier aber tarnt sich einer als Stummer, damit ihn niemand als solchen erkennt.

Der ganze Film ist eine Geschichte des Aneinandervorbeiredens – bis in die Kinosäle hinein: Auch die für Russen provozierende Grundkonstellation dürfte sich dem deutschen Publikum nur teilweise erschließen. „Franz & Polina“ beginnt mit Bildern relativer Normalität inmitten der Gräuel des deutschen Ostfeldzugs. Franz ist mit seiner Einheit in einem Dorf stationiert, die Soldaten sprechen Deutsch, die Dörfler Weißrussisch, man versteht sich nur halb – Gott sei Dank, sonst gäbe es womöglich gar keine Grundlage für diese Gemeinschaft von Feinden. So aber wollen Äpfel gepflückt werden und Hühner gerupft, und weil Franz, der Soldat, und Polina, die Bauerstochter, jung sind, macht Franz Polina schöne Augen – was soll er ihr auch sonst machen, sie versteht ihn ja nicht. Dann greifen Partisanen an, das wacklige Idyll kollabiert. Als der Rauch sich verzieht, ist das Dorf ein schwelender Trümmerhaufen. Zwei heimatlos gewordene Menschenwürmer kriechen hervor – und stolpern fortan alleine durch einen irrsinnigen Krieg, dem sie nicht mal eine gemeinsame Sprache entgegenzusetzen haben.

Nach „Polumgla“ ist „Franz & Polina“ damit bereits der zweite russische Weltkriegsfilm in diesem Jahr, der das für Russen immer noch provozierende Motiv des „guten Deutschen“ ausreizt. Tat Artjom Antonow das in „Polumgla“ noch durch eine aberwitzige und intelligente Auseinandersetzung mit russisch-deutschen Freund- und Feindbildern, so setzt Michail Segal mit „Franz & Polina“ vor allem auf große Gefühle: Über weite Strecken manövriert er seinen Stoff elegant an der Grenze zum Kitsch entlang, nur manchmal verrutscht ihm die anrührende Romeo-und-Julia-Geschichte zum haltlosen Rührstück. „Polumgla“ löste in Russland vor allem unter Veteranen Proteste aus. Segals Film, der ein breiteres Publikum anspricht, dürfte es leichter haben, obwohl er eine ähnliche Botschaft transportiert: dass Missverständnisse unter Liebenden mitunter mächtiger sind als beredter Hass unter Gleichen. Ein Beitrag zur Völkerverständigung ist das allemal. Jens Mühling

Hackesche Höfe (OmU), Blow Up

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