Kultur : Sprachpolitik: Balkanische Schweiz

Caroline Fetscher

Welche Sprache spricht man eigentlich im Schweizer Parlament? Mit dieser Frage kann man Freunde in ganz Europa, West wie Ost, ratlos machen. Kaum einer kennt die korrekte Antwort. Weil die Frage keine Rolle spielt - nicht in der Schweiz selbst und nicht für das Ausland. Die Schweizer sind angenehm polyglott, so viel wissen alle. Sie sind außerdem angenehm neutral, finden viele. Angenehm langweilig, sagen andere. Es gibt Länder, die sehnen sich danach, als "langweilig" zu gelten. Mazedonien zum Beispiel.

Mazedonien müsste nur in die Schweiz schauen, um solche Langeweile zu lernen. Gewisse Voraussetzungen sind schon da - im Norden Mazedoniens findet sich eine der schönsten Landschaften Südosteuropas. Von fruchtbaren Ebenen aus, bedeckt mit Maisfeldern und Obstgärten, erblickt man in der Ferne schneebedeckte Berggipfel. Diese Gegend wird auch balkanische Schweiz genannt. Sie wirkt friedlich, wenn man dort unterwegs ist und dabei abwechselnd an einem anatolisch oder einem österreichisch anmutenden Dorf vorbeikommt. Man spricht albanisch und mazedonisch: Als Nachbarn leben dort Leute, die verschiedene Sprachen sprechen. Auch das ist nicht anders als in der Schweiz.

Aber da endet der Vergleich. Denn wo die Schweiz Sprachfrieden hat, führt Mazedonien einen Sprachenkrieg - gern "ethnisch" genannt. Wir leben im UNO-"Jahr der Sprachen", dem Jahr, das die Mehrsprachigkeit anerkennen und fördern soll. Und die derzeitigen Friedensgespräche im mazedonischen Ohrid werden durch den Streit um die zweite Amtssprache blockiert.

Sprachpolitisch ist die Schweiz das europäische Modell bei der Lösung des derzeit heftigsten Konfliktstoffs im Szenario der Gefechte und Verhandlungen zwischen albanischen und slawischen Mazedoniern, Verhandlungen, in denen alle, auch "der Westen" mit seinen wechselnden Shuttle-Diplomaten bald so und bald anders reden. Albanisch soll zweite Amtssprache werden, sagen die Albaner. Das sei das Ende ihrer Nation, erwidern die Slawen.

Vielvölkerrepublik, polyglott

Also, was spricht man in der Schweiz im Parlament? In der Vielvölkerrepublik - oder Vier-Völkerrepublik - sind drei Sprachen bei Debatten im Nationalrat zugelassen: Französisch, Italienisch und Deutsch. Dolmetscher sorgen bei Bedarf dafür, dass die Redebeiträge in den Ohren der anderen Eidgenossen Sinn ergeben, doch zahlreiche Abgeordnete können ohnehin alle drei Sprachen verstehen. Nur das Rätoromanische gilt im Berner Abgeordnetenhaus nicht als Amtssprache. Dafür aber auf lokaler Ebene - obwohl nur ein Prozent der Schweizer mit dieser Sprache aufwachsen. Seit 1938 rangiert es als vierte Nationalsprache.

Liebe Mazedonier, die Schweiz ist kein Vergleich, werden Sie sagen. Die Schweiz ist ein reiches, demokratisch verfasstes Land mit föderaler Struktur und einer 130 Jahre alten Verfassung. Von "ethnischen Spannungen" ist dort nicht die Rede, auch wenn 65 Prozent der Schweizer Deutsch als Muttersprache lernen, 18 Prozent Französisch und 12 Prozent Italienisch. Bei Ihnen in Mazedonien sprechen bis zu 35 Prozent der Menschen albanisch. Gewiss, einige haben keine offiziellen Dokumente und keine Staatsbürgerschaft. Aber sie sind da. Sie sind Nachbarn, Freunde, Feinde, Mitarbeiter der slawischen Mazedonier, und sie wollen, dass ihre Sprache anerkannt wird.

Blicken wir auf die Schweiz, erscheint das geradezu normal. Doch Mazedonien ist eine junge Nation, so alt wie ein Schulkind in der zweiten oder dritten Klasse, kaum zehn Jahre. Es sei viel verlangt, hören wir von den slawischen Mazedoniern, dass nun die Sprache der "albanischen Mitbürger" so eine große Rolle spielen soll. Diskutiert man als westlicher Demokrat mit slawischen Mazedoniern, wird man in Erstaunen versetzt von der gern im empörten Ton wiederholten Bemerkung: Aber wir lassen die Albaner doch hier leben! So viele von ihnen! Was wollen sie denn noch!

Ein Gran Postnationalismus

Aber slawische Mazedonier lassen nicht "die Albaner in ihrem Land leben": Alle lassen, so Vernunft und Mitempfinden es gestattet, einander dort leben. Wer den Pass eines Landes hat, ist dessen Staatsbürger. Selbst in Deutschland begreift man diese Selbstverständlichkeit allmählich, und beginnt von "Bevölkerung" statt "Volk" zu sprechen, in der historischen Epoche, in der jeder Nationalstaat nur noch überleben kann, wenn er ein Gran Postnationalismus in sich trägt.

Anstatt das Land ökonomisch in Gefechten auszubluten, anstatt die Touristen vom weltberühmten Ohrid-See fernzuhalten und von der balkanischen Schweiz, könnten alle gemeinsam an der Entwicklung ihrer Wirtschaft arbeiten. Mazedonien hat kein Apartheidsystem, wie es im Kosovo herrschte. Ohne Not unterstützt das Land das Klischee vom "balkanischen Pulverfass". Nicht einen trifft man in Skopje oder Tetovo und sogar in den Dörfern am Landesrand, der nicht "zu Europa" gehören will. Wie denn, solange dem "civic state" ein Konzept des "ethnic state" entgegensteht? Eine Titularnation darf und kann heute kein Exklusivunternehmen mehr sein. Solche Unternehmen sind Bremsen am europäischen Zug. Sie verursachen Kollisionen und rufen das Rote Kreuz und Panzer auf den Plan, nicht die Investoren und Ferienreisenden.

Alle Ressourcen sind da für den Beginn einer mazedonsichen Schweiz, nicht nur die Landschaft. Auch Geld, außerhalb des Landes, und Ideen, innen wie außen. Wer bereit ist, mit hohem Finanzaufwand Rebellen zu beschießen, kann diesen Leuten auch ihre Waffen abkaufen, wie in Somalia. Es ist ein offenes Geheimnis, das bei einer "Entwaffnung" wie der der UCK im Kosovo schrottreife Gewehre beflissen abgeliefert wurden, während durchaus taugliches, modernes Gerät unter Schuppen und Scheunen vergraben auf den nächsten Einsatz wartet. Erst wer den Rebellen etwas Reelles anbietet, "cash for weapons", der kann sie sicher entmachten. Und darum geht es. Entwaffnen, Verhandeln, Kompromissfähigkeit entdecken. Auf die Sprache, in der man die Zukunft erfindet, kommt es nicht an.

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