Kultur : Sprachproblem: An der Komischen Oper wird Puccinis Werk auf deutsch gesungen

Jörg Königsdorf

Das Schlimmste ist die Sprache. Das jahrhundertwendlich altmodische Deutsch, das sie an der Komischen Oper Puccinis Manon verpasst haben. Kantig liegt es auf den weich schwingenden Gesangslinien, die für ein anderes Sprach- und Lebensgefühl gedacht sind. Das haut dort Lautkerben in die Musik, wo sie sich im italienischen Original aufschwingen und mit großem Atem ihre Gefühle mitteilen will. Worte werden durch Apostroph-Vokalamputationen gequetscht oder durch überflüssige Endsilben gestreckt: "Ich bin alleine" singt die verdurstende Manon in der Einöde des amerikanischen Midwest, mit linkisch angehängtem Schluss-E, wie sonst nur Kinder sprechen. Das schafft Distanz dort, wo es mitreißen müßte, und reißt eine Kluft zwischen der gestelzten Dramatik des Textes und der Musik auf. Die beabsichtigte Wirkung der Übersetzung verkehrt sich ins Gegenteil.

Mit ihrer "Manon Lescaut" geht die Komische Oper einen weiteren Schritt zur großen Sängeroper. Puccini zieht, "La Bohème" und "Turandot" sorgen an der Behrenstraße regelmäßig für volle Häuser. Eigentlich, erklärt Intendant Albert Kost auf dem Premierenempfang, habe man eine "Butterfly" machen wollen. Doch da die an den beiden Konkurrenzhäusern schon vorhanden sei, hätte man sich für "Manon Lescaut" entschieden. Ist wohl auch egal: Dort, wo kein funktionierendes Ensemble mehr vorhanden ist und die Hauptrollen mit Gästen besetzt werden, kann von einer aus dem künstlerischen Potenzial des Hauses entwickelten Stückwahl ohnehin keine Rede mehr sein.

Freilich weiß jeder, dass er sich bei der Komischen Oper auf Übersetzungen einzulassen hat. Sich darüber zu beschweren wäre ungerecht, wenn nicht das Sprachproblem für das Scheitern des Abends verantwortlich wäre. Denn der Text verhindert, dass die Sänger sich mit ihren Rollen identifizieren können. Zum überwiegenden Teil Fremdsprachler, kämpfen sie tapfer mit den Hürden der Librettisten-Lyrik und versuchen, ihre Worte in die Melodien und passgenau auf Puccinis detailliert kommentierende Orchesterstimmen zu zwingen. Auch wenn der inzwischen nach Koblenz abgewanderte erste Kapellmeister der Komischen Oper, Shao-Chia Lü vom Orchester lediglich robustes Funktionieren statt Stilbewusstsein fordert. Von den Sängern ist nur der Lescaut (Michael Kraus) als Muttersprachler so souverän, selbst mit diesem Text noch spielen zu können. Auf den Abend aber hat er genauso wenig Einfluss wie der zu nett geratene Geronte von Klemens Slowioczek.

Denn "Manon Lescaut" ist die Geschichte von Manon und Des Grieux, des leidenschaftlich bis zur Selbstaufgabe Liebenden und der leichtfertigen Wesensblondine, die diese Liebe erst in dem Moment erkennt, in dem es zu spät ist. Doch weder Karine Babanjanyan noch Jeffrey Dowd können die Tragik des Stücks glaubhaft umsetzen. Dowd panzert seinen Heldentenor schon von Anfang an mit viel Metall, presst seine Spitzentöne heraus, statt sie befreit jubeln zu lassen. Den schwärmerischen Chevalier, der hier die Liebe seines Lebens findet, nimmt man ihm nicht ab. Babanjanyan hat für sich genommen eine schöne Puccini-Stimme, doch bleibt ihre Manon seltsam unspezifisch - in den vier Akten singt sie vier verschiedene Figuren, die nicht zueinander passen wollen.

Hier hätte die Regie eingreifen müssen. Doch Michael Schulz, hauptberuflich Oberspielleiter in Essen, läßt seine Sänger dort allein, wo sie am meisten Hilfe gebraucht hätten. Vier Duette zwischen Manon und Des Grieux enthält das Stück. Sie sind, zusammen mit Manons Schlussarie, die eigentlichen emotionalen Zentren der Oper. Doch gerade für diese Beziehungs-Bestandsaufnahmen hat Schulz nur die abgegriffensten Bewegungsbausteine aus dem Regietheater-Baukasten parat, die als weitere Mauer zwischen Sängern und Rollen stehen. Statt dessen inszeniert Schulz putziges Drumherum: Lampionschwenkende Kinder und ulklaunige Studenten, neugierig glotzende Messknaben und schnauzbärtige Schutzmänner - Puccini sein Milljö. Der von Schulz entfachte Operetten-Aktionismus wirkt, als wolle er seine Befangenheit angesichts der deutschen Texte verdecken.

Und das kann man ihm im Grunde auch nicht verdenken.Wieder am 7., 11., 21. u. 27. April

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