Kultur : Sprechen mit vollem Mund

Frank Noack

zeigt, wie man Drehbücher besiegen kann Der 1981 verstorbene Autor Paddy Chayefsky hat dreimal den Oscar für das beste Drehbuch erhalten, ohne ein einziges Drehbuch verfasst zu haben. Das soll ihm erst einmal jemand nachmachen. Was Chayefsky über drei Jahrzehnte hinweg zu Papier gebracht hat, waren Radio- oder Theatermanuskripte; an filmische Wirkungen dachte er nicht. Pausenlos wurde bei ihm geredet. Das hat bei der Mediensatire „Network“ (1976) ausnahmsweise funktioniert. Nach diesem Erfolg und seinem dritten Oscar war Chayefsky so mächtig, dass seine Dialogsätze wie die Heilige Schrift behandelt werden mussten. Aber Chayefsky hat nicht mit Ken Russell gerechnet, dem die Regie des Science-Fiction-Spektakels Altered States – Der Höllentrip (1980) anvertraut wurde. Die Geschichte war zusammengeklaut: hier ein wenig Dr. Jekyll und Mr. Hyde auf LSD, da ein wenig Werwolf-Mythos sowie Anleihen bei „2001“, alles angereichert mit pseudo-wissenschaftlichem und pseudo-philosophischem Geschwafel. Ken Russell war vertraglich verpflichtet, jeden Satz zu übernehmen. Zum Glück gab es keine Vorschrift darüber, wie die Sätze auszusprechen sind. Also dachte sich Russell alle möglichen Streiche aus, um Chayefsky zu ärgern. William Hurt als Psychophysiologe (!) Eddie hat den Mund voller Essen, während er spricht. Oder er läuft rückwärts, während er seiner Ehefrau eine Theorie erklärt. Mit verrückten Bildeinfällen und Tonexperimenten hat Russell dafür gesorgt, dass niemand auf die Dialoge achtet. „Altered States“ ist somit ein Muss für Studenten der Filmregie, zeigt er doch, wie man ein ungeliebtes Drehbuch besiegen kann. Die atonale Musik stammt von John Corigliano (Montag und Dienstag im Lichtblick).

In der fortlaufenden Ken-Russell-Retrospektive zeigt das Lichtblick-Kino auch Liebende Frauen (1969). Dessen Vorlage näherte sich der Regisseur mit mehr Respekt, schließlich handelte es sich um den berühmten Roman von D. H. Lawrence – einem Seelenverwandten, auch wenn Russell in der Filmkunst nicht ganz denselben Rang einnimmt wie Lawrence in der Literatur. Anders als so viele filmische Nebenprodukte der sexuellen Revolution ist „Liebende Frauen“ kein bisschen gealtert; seine Darstellung alternativer Beziehungsmodelle wirkt zeitlos. Für die Interpretation der sexuell herausfordernden Gudrun Brangwen erhielt Glenda Jackson – wo ist sie geblieben? – einen wohl verdienten Oscar; unvergesslich die Szene, in der sie auf einer Wiese im Stil von Isadora Duncan tanzt, um eine Herde von Ochsen zu vertreiben (Montag und Mittwoch im Lichtblick).

Als Kontrastprogramm zu Ken Russells psychedelischen Exzessen entführt das Arsenal sein Publikum in die Kindertage des Films. Und die waren auch schon ziemlich wild. In dem Western The Great Train Robbery (1903) zielt und schießt der Schurke direkt ins Publikum (Donnerstag), und für den italienischen Monumentalschinken Cabiria (1914) wurden erste Experimente mit der entfesselten Kamera versucht. 1913 gelang es den herausragenden Bühnenschauspielern Paul Wegener und Albert Bassermann mit Der Student von Prag und Der Andere das elitäre, großbürgerliche Publikum ins Kino zu locken (Dienstag und Mittwoch). Beide Filme behandelten das Doppelgängermotiv. Dr. Jekyll und Mr. Hyde sind überall.

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