Kultur : Sprechende Schrammen

Werke von Marc-Anthony Turnage im Berliner Kammermusiksaal

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„I killed I killed I killed I killed them / And still they rose and still they rose / and still they rose to torture me.“ Eine bedrückende Musikalität liegt in diesen Versen, ein junger Soldat wird die Erinnerungen an die von ihm Ermordeten nicht los: In aggressiven Rhythmus peitschen dem Leser die harten Vokale und Konsonanten des anklagenden „I killed“ durch den Kopf, doch unablässig erstehen mit lang gezogenen o- und u-Lauten die Geister der Toten vor dem inneren und äußeren Ohr. Die Worte stammen von Isaac Rosenberg, der im Ersten Weltkrieg fiel.

Kann ein Komponist diesen Worten etwas hinzufügen? Der 1960 geborene Marc-Anthony Turnage hat es versucht. In „The Torn Fields“ setzte er sechs Gedichte, die um Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg kreisen, für Bariton und Kammerensemble. Die Birmingham Contemporary Music Group brachte das Werk nun im Kammermusiksaal der Philharmonie zur Uraufführung. Talent und Können, wo man hinhörte: Der 32-jährige Alexander Briger dirigierte das unter Simon Rattles Fittichen gereifte Ensemble umsichtig, mit klar herausgearbeiteten melodischen Konturen. Und Gerald Finley ließ seinen edlen und ausgeglichenen Bariton mit deutlicher Deklamation zu seinem ganzen Vorteil hören. Berühren konnte er dennoch nicht. Dies lag zum einen an Turnages Instrumentalbegleitung, die stellenweise zur putzig illustrierenden Groteske verkam und zum anderen verliehen die auf Wohlklang berechneten lyrischen Phrasen den Worten oft ein unnötiges Pathos. Der sichere Instinkt, mit dem Turnage dramatische Situationen zu zeichnen weiß, verließ den Komponisten allerdings nicht ganz: Mit hoher und doch nicht karikierender Fistelstimme lässt er den minderjährigen Freiwilligen dem Rekrutierungsoffizier ein höheres falsches Alter angeben.

Die mit Spannung erwarteten „Bass Inventions“, die Turnage für den Jazzmusiker Dave Holland schrieb, litten wie „The Torn Fields“ darunter, dass die Macht des Authentischen stärker als das eigene künstlerische Wollen sein kann. Dave Hollands Spiel lebt vom Haut-Gout der Nachlässigkeit, von den sprechenden Schrammen, die seine Tongebung so charakteristisch machen wie die vom Leben gezeichnete Oberfläche seines Basses. Turnage setzte diesem Spiel einen eigenen Jazz entgegen, der seine Wirkung jedoch gerade aus der Künstlichkeit bezieht – so dass Holland in der nüchternen Umgebung förmlich zu frieren schien. Fans des Bassisten kamen mit dem anschließenden Auftritt des Dave Holland Quintets doch noch auf ihre Kosten, während sich die Freunde Turnages immerhin auf „Blood on the Floor“ am Samstag in der Philharmonie freuen können: Ein kantigeres Werk, das nicht in seine Musiksprache zu integrieren versucht, was nicht zu integrieren ist. Carsten Niemann

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