Kultur : Spree-Sprungbrett

Also spricht der Berliner Kultursenator.Lieber Herr Kultursenator! Haben Sie sich den Spielplan der Deutschen Oper mal angesehen? In der laufenden Saison hat das Haus 36 Werke gezeigt.Neun davon stammen aus dem 20.Jahrhundert: "Prinz von Homburg" (1960), "Susannah" (1955), "Carmina Burana" (1937), "Katja Kabanova" (1921), "Die Geschichte vom Soldaten" (1918), "Rosenkavalier" (1911), "Elektra" (1909), "Madame Butterfly" (1903) und "Tosca" (1900).Ist Ihnen das zu anspruchsvoll? Die Deutsche Oper ist nicht gescheitert, weil sie zu wenig, sondern weil sie ausschließlich "populäre Werke" gespielt hat."Meistersinger", "Tosca" oder "Aida" sind dort schon lange nicht mehr ausverkauft.Wie auch? Das Starren auf die bewährten Werte von vorgestern, die Angst vor dem Lebendigen, Neuen hat das Haus in jene künstlerische und geistige Erstarrung geführt, die das Publikum mit Recht durch Fernbleiben quittiert.Das fing bei der Wahl der Stücke an, setzte sich bei der Besetzungder Regieteams fort und endete bei den Gaststars.All überall nur sinkende Sterne.Die "sicheren Werte", die Götz Friedrich einkaufte, hatten ihr künstlerisches Verfallsdatum lange überschritten.Wer sich in die Deutsche Oper begab, tat das als Bildungsreisender, der die Ruinen vergangener Herrlichkeit in der Phantasie notdürftig zu ergänzen hatte.Natürlich gab es pro forma auch ein paar junge Sänger.Sie nannten sich "Internationales Opernstudio", weil man das heute so nennt.In Wirklichkeit wurden sie, wie überall, als billige Chargen-Darsteller und in Kinder-Vorstellungen ausgenutzt.Zur Belohnung durften sie auch mal an Gewichtigeres ran.Aber da hatte der lähmende Geist des Hauses den bedauernswerten Junggreisen schon alles Leben aus den Adern gesogen.Ein paar aufstrebende Dirigenten glaubten aus Unwissenheit, in der Hauptstadt Ruhm einheimsen zu können.Auch sie bekamen den Schlendrian verschlampter Repertoire-Aufführungen in ein oder zwei Proben nicht in den Griff.Wer nicht die Flucht ergriff - und das taten einige -, war verloren.Lieber Herr Kultursenator, Künstler sollen Trends schaffen, nicht ihnen nachlaufen.Das ist es, was man Kreativität nennt.Gehen Sie mal in die Deutschen Oper, gucken Sie sich das mal an: das finanzielle Debakel ist Peanuts gegen das künstlerische Debakel, das da allabendlich abläuft.Und seien Sie versichert: vor zwei Jahren, als Sie den Vertrag von Götz Friedrich verlängerten, war es nicht besser. bke

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