Kultur : Sprich, Erinnerung, sprich

KATJA WINCKLER

Es war keine dieser Lesungen, die einen betreten schlucken läßt - obwohl es im weitesten Sinne um den Holocaust und um die Wahrnehmungen von Betroffenen ging.Nein, unterhaltsam und manchmal geradezu heiter ging es Dienstagabend in der Aula der jüdischen Gemeinde zu.Veranstalter war die Berliner LiteraturHandlung.Am meisten trug zu dieser gelassenen Atmosphäre der Redner und Autor, Michael Blumenthal, selbst bei.Der 1926 in Oranienburg geborene Amerikaner jüdischen Glaubens und Direktor des Neuen Jüdischen Museums stellte sein Buch "Die unsichtbare Mauer.Die 300jährige Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie" vor (Hanser-Verlag, 518 Seiten, 49 Mark 80).Im vergangenen Jahr in den USA erschienen (siehe Tagesspiegel vom 15.6.1998), ist das Buch jetzt auch auf Deutsch im Handel.

In der vollbesetzten Aula gab sich Blumenthal ganz amerikanisch.Rhetorisch-perfekt, bis auf einige wenige eingestreute Anekdoten, beschränkte sich Blumenthal auf das Wesentliche seines Buches: Die verschlungene Geschichte sechs seiner Vorfahren, darunter die Schriftstellerin Rahel Varnhagen, skizzierte er in seinem knapp einstündigen Vortrag.

Die Begründung für sein literarisches Schaffen lieferte Blumenthal vorweg: "Ich habe das Buch für mich selbst geschrieben." In fortgeschrittenem Alter habe es ihn beunruhigt, "daß ich so wenig über meine eigene Familie und die Ereignisse in Deutschland weiß".Und zu den Fragen seines heute 13jährigen Sohnes "Wie fühlst du dich damit?" seien auch die Erinnerungen an seine umgekommenen, jüdischen Klassenkameraden aus Berlin wieder hochgekommen."Da die Diskriminierung schon früher angefangen haben muß als 1933, stellte ich mir die Frage, wie Juden beispielsweise im 17.Jahrhundert gelebt haben." Das Leben seiner Vorfahren solle spiegelbildlich die allgemeinen Verhältnisse charakterisieren.Jeder von ihnen habe auf seine Weise versucht, Anerkennung zu finden, "doch alle sind an der unsichtbaren Mauer gescheitert".Im anschließenden Publikumsgespräch plädierte Blumenthal für einen unverkrampfteren Umgang von Juden und Nichtjuden, vor allem in Deutschland.An sein Publikum gewandt: "Solange sich das nicht ändert, habt ihr hier Schwierigkeiten." Schuldgefühle seien unangemessen."Aber warum soll ich hier eigentlich Predigten halten?" Sprachs, und ließ sich von offenbar tief beeindruckten Zuhörern die signierten Exemplare aus den Händen reißen.

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