Kultur : Sprich mit dem Hergebrachten

Neues Bauen in Berlin: Präsidium und Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes in Lichterfelde von Dietsch&Ranter

Robert Kaltenbrunner

Als sie das ehemalige Rittberg-Krankenhaus in Lichterfelde zwecks Neuansiedlung in der Hauptstadt erwarben, dürfte für Präsidium und Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes die Umgebung nur eine Nebenrolle gespielt haben. Dass es sich bei der von Johann Anton Wilhelm Carstenn gegründeten Villenkolonie noch heute um einen stadträumlichen Zusammenhang mit Vorbildwirkung handelt, war den jungen Architekten Birgit Dietsch und Heiner Ranter indessen bewusst, als sie den – teilweise denkmalgeschützten – Altbau den neuen Erfordernissen anpassten. Die alte Drei-Flügel-Anlage freizulegen und in ihrer Raumqualität neu zu beleben: Dieser Gedanke diente als Ausgangspunkt für die neue Konzeption.

Bescheiden und zugleich repräsentativ offenbart sich die restaurierte, nun eierschalenfarbene Hauptfassade. Das neu geschaffene Foyer ist von hier aus nicht sichtbar, weil es sich zur westlichen Parkfront öffnet; dafür rahmen beeindruckende Treppenhäuser in den Eckrisaliten den Blick. Behutsam auch die Ergänzung: Die Staffelung der vorhandenen baulichen Kante im Norden wird durch die Gliederung der Erweiterungsbauten aufgenommen. Demgegenüber, und gleichsam als Referenz gegenüber den Siedlungsformen à la Carstenn, spiegelt sich an der Südseite die offene Bauweise der nachbarlichen Villenstruktur. Von Dialektik aus Offen- und Geschlossenheit zu sprechen, ist hier gleichwohl nicht angebracht. Es handelt sich vielmehr um eine einfache und überzeugende städtebauliche Grundfigur, die das Überlieferte aufnimmt und doch neu interpretiert.

Die Neubauten entwickeln dabei eine ihrer Funktion entsprechende, differenzierte Eigenständigkeit. Der lang gestreckte Verwaltungsannex an der Murtener Straße im Norden greift die klassische Gliederung des Altbaus auf. Leicht vorspringende Obergeschosse, horizontal rhythmisiert durch Fensterbänder, setzen sich von einem massiven Sockel aus dunkelgrauem Naturstein mit seinen unregelmäßig angeordneten Öffnungen ab. Das ziegelgedeckte Mansarddach des ehemaligen Krankenhauses findet keine direkte Entsprechung, sondern eine vage Korrespondenz, indem im dritten Obergeschoss die Bänder durch Lochfenster aufgelöst werden. Den Abschluss bildet, wie bei allen Neubauten, eine knappe Attika. Das durchgängige Gliederungselement für die Addition der unterschiedlichen Baumassen und -körper bilden gläserne Fugen.

Obgleich die Axialität der Gesamtanlage durch ein Band aus fast quadratischen Bodenplatten betont wird, ist das Zusammenspiel von Architektur und Freiraum alles andere als formal. Der wertvolle Baumbestand unterstreicht den lebendigen Charakter dieses Environments. Das Grundstück und seine Bebauung bleiben in seiner Gesamtheit erlebbar; Alt- und Neubau mit je erkennbaren eigenen Werten und Rechten, aber doch eine Einheit formend.

Ein Manko indes stellen Platzierung und Gestaltung des ockerfarbenen Solitärs für den „Verband der Schwesternschaften“ dar. Zum einen wirken Grund- und Aufriss schlicht uninspiriert. Zum anderen müsste dieser Kubus den Schlussstein im Südwesten der Anlage – und in Nachbarschaft eines noch bestehenden Krankenhausflügels von Otto Bartning – bilden. Doch er vermag es nicht, den Binnenraum des Parks überzeugend abzuschließen.

Dafür überzeugt das Konferenzgebäude, das eine offenkundige Sonderstellung einnimmt: Es tanzt aus der Reihe, indem es um etwa 45 Grad aus der Flucht gedreht wurde. Der kubische, weiße Baukörper wirkt zur Altdorfer Straße recht geschlossen, obgleich er sich mit einem mittigen Foyer um einen offenen Charakter bemüht. Den aber entfaltet er zur anderen Seite, indem er sich mit einer Reihe von Fenstertüren samt vorgelagerter Terrasse zum Park orientiert. Die Fensterelemente im Obergeschoss stellen den deutlichsten Akzent in einer ansonsten sehr zurückgenommenen Architektursprache dar.

Unprätentiös, frei von allen Moden, aber auch ohne übertriebenes Streben nach einer distinkten Handschrift, offenbaren Dietsch & Ranter eine Herangehensweise, die durch die Komposition klarer Formen beeindruckt. Dem liegt die Überzeugung zu Grunde, dass Bauen im Kontext, sei dieser räumlich oder geschichtlich, mitnichten historisierende Anpassung bedeuten muss. Zwar wäre manches Detail verbesserungswürdig. Aber mit großer Budgetdisziplin und strenger Materialwahl lösen sie die Moderne aus ihrer Verschlossenheit und verpflichten sie zu einem Dialog mit dem Hergebrachten.

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