Kultur : Sprich zu mir, Kassandra

„Lebendige Antike“: Die Berliner Märchentage sind eröffnet

Cornelia Jentzsch

Warum wurden die Odyssee, die Prometheussage oder die Geschichte der Titanenschlacht zu Mythen? Eine schöne Antwort findet man im Werk Heiner Müllers. Der Mythos mutiert bei ihm zu einer Schwundform der Utopie. Vielleicht suchte ihn Müller deshalb an dunklen Orten. In seinem Werk gebrauchte er das Totenreich als Metapher für eine mythische Unterwelt, die man auch als abgelagerte Geschichte lesen kann oder als Gegenentwurf zur Gegenwart. Diese abgedunkelte Welt birgt nicht nur das Material dessen, was der Mensch noch nicht rational seziert hat, sondern auch das, was er gern aus seinem Gesichtsfeld verschwinden lassen möchte. Aber war der Mythos nicht schon seit der Antike der Gegenspieler des Logos, der göttlichen Vernunft? Chaostheorie oder Quantenphysik lösen den Gegensatz zwischen Mythos und Logos, Rationalität und Irrationalität zunehmend auf, und in Soziologie, Ethnologie oder Religionswissenschaft ist der Mythos ein großes Thema.

Am Wochenende widmete sich ein international besetztes Symposium zum Auftakt der 14. Berliner Märchentage vom 6. bis 16. November dem Thema „Lebendige Antike“. Das Festival, das dieses Jahr um „Märchen, Mythen, Mittelmeer“ kreist, findet an über 200 Orten Berlins mit über 700 Veranstaltungen statt und bietet internationale Lesungen, Theater-, Tanz- und Musikvorführungen, Ausstellungen und Filmreihen sowie Familienwochenenden, Werkstätten, Fortbildungskurse für Lehrer und Schülerlesungen.

Der Berliner Literaturwissenschaftler Frank Hörnigk beschäftigte sich im Rahmen des Symposions mit Mythenrezeption bei Heiner Müller, und Christa Wolf diskutierte mit je einer Literaturwissenschaftlerin aus Ost und West über die Rezeption ihrer Kassandra-Figur. Sie interessiere, meinte Christa Wolf, ob ihre gleichnamige Erzählung noch heute für eine Ästhetik des Widerstandes tauge.Dass ein Mythos auch rational sein kann, bewies der Münchner Althistoriker Christian Meier. Er erläuterte, wie im Athen des 5. Jahrhunderts auf der Bühne des damaligen Theaters gerade die Mythen bei der Vermittlung von sozialen, politischen oder moralischen Fragen halfen. Vor Zuschauern wurden in ihnen verhandelten Fragen durchgespielt. Durch einen Kampf der Werte, der den Kampf der Schwerter ablöste, konnte sich die antike Polis als neue Form einer Gemeinschaft herausbilden.

Über den internationalen Exportartikel Märchen sprach Giorgio Cusatelli, der italienische Spezialist für Volksmärchen. Er untersuchte ihre Transportwege von Italien nach Deutschland und deckte in unterschiedlichen Übersetzungen der Märchen kuriose Güterverluste, Schmuggelware und Schwarzhandel auf. Dass andererseits gerade solche fantastischen Gewächse wie Märchen zur Bildung von festen kulturellen Identitäten taugen, bewies der griechische Märchen- und Sagenforscher Evangelos Avdikos. Die Begriffe Märchen und Mythos konnten sich bis in die heutige Zeit hinein am Leben halten, weil sie sich immer wieder selbst vervielfältigten und aktualisierten. Das Wort Märchen hieß im Mittelalter „maere“ und bedeutete Kunde oder Nachricht. Ein Mythos erfüllt mittlerweile die unterschiedlichsten Aufgaben, er erklärt, begründet, beglaubigt und orientiert - er kann aber auch einfach nur unterhalten.

Über ein Kulturphänomen der „neuen Mythen“ sprach der Kölner Jürgen Trimborn, der die Bildersprache Leni Riefenstahls untersuchte. Die unlängst verstorbene Künstlerin schuf in ihren Filmen und Fotografien nicht nur den Mythos vom germanischen Heldenkörper nach zweckentfremdeten Kopien antiker Vorbilder, sondern formte ihre Person selbst zu einem Mythos – ein Zug, der einem bei den Gästen der Märchentage wohl kaum begegnen wird.

Das Programm der 14. Berliner Märchentage liegt in allen Kinder- und Jugendbibliotheken, den Berliner Museen und den Veranstaltungsorten aus. Weitere Informationen unter www.berliner-maerchentage.de .

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