Kultur : Sprich zu mir!

ECKART SCHWINGER

Wer bislang Zemlinskys Lyrische Symphonie in sieben Gesängen nach Gedichten von Tagore als ein Werk kennengelernt hatte, das in deutlicher Nähe zu Gustav Mahlers Lied von der Erde steht, der bekam es nun im Philharmonischen Festwochenkonzert als einen sinfonisch scharf verzahnten Zyklus mit verblüffenden Verweisen auf Alban Berg und Arnold Schönberg beschert.Das brachte eine dramaturgische Folgerichtigkeit und dramatische Stringenz mit sich, die man in diesem Maße bei Zemlinsky nicht kannte.Michael Gielen ging bei seinem Konzert mit den außerordentlich hellhörig, scharfkantig musizierenden Philharmonikern oft insistierend schroff, doch ungemein konsequent zu Werke.Er setzte bei diesem hochsymbolischen Zyklus von der sich schmerzhaft verströmenden Sehnsucht "nach fernen Dingen" schonungslos auf bohrende Genauigkeit und dynamische Zuspitzung.Die Vokalsolisten hatten es zunächst schwer, sich gegenüber dem komplexen sinfonischen Zugriff zu behaupten.Luba Orgonasova sang mit solch lyrisch schillernder Zartheit das wundersam transparente vierte Stück "Sprich zu mir, Geliebter", daß es zum sängerischen Höhepunkt avancierte.James Johnson behauptete sich durch harsche, heldenbaritonale Kraftentfaltung.

Besonders beeindruckte in der Philharmonie die Leistung von Heinrich Schiff, der mit Sensibilität, Farbigkeit und Rasanz das Cellokonzert von Friedrich Cerha aus der Taufe hob.In dem Auftragswerk der Festwochen erweist sich Cerha erneut als ein Komponist, der eine so expressiv aufgefächerte wie raffinierte, gestenreiche wie wirksame Musik zu schreiben vermag.Sogleich die losprasselnde Wildheit zu Beginn erinnert an seine klangüppige Brecht-Oper "Baal", wobei die exotischen Klangmixturen, die polyrhythmischen Konstellationen neueren Datums zu sein scheinen.Besonders eindringlich sprechen die vielen hohen, hell flirrenden, facettenreichen Cellokantilenen an, die den heftigen Stürmen des Orchesters gegenüberstehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar