Kultur : Spring, Böckchen, klingeling

Johannes Völz

Noch bevor das Berliner Jazzfest angefangen hatte, stand seine eigentliche Leistung bereits fest. Ein "Elchtest" sollte es werden, wie der künstlerische Leiter Nils Landgren ankündigte. Und das im doppelten Sinne: Nicht nur der Vorsatz der Berliner Festspiele, jedes Jahr eine andere musikalische Region in den Mittelpunkt des Jazzfests zu stellen, stand auf dem Prüfstein. Auch der Jazz aus Skandinavien, der diesjährige Schwerpunkt, hatte Gelegenheit, sein internationales Renommee zu beweisen.

Ganz unprätentiös fing es an, vier Bands hintereinander, jenseits ihrer Heimat völlig unbekannt. Schwedische Hirtenlieder und religiöse Gesänge kamen vom Trio Frifot, mit Fidel, Hackbrett und schwedischem Dudelsack. Zwar erinnerte das an einen Grundkurs in Ethnomusikologie, doch immerhin vermittelte Frifot eine Ahnung davon, warum sich skandinavische Volksmusik und afroamerikanischer Jazz so gut verbinden lassen: Nicht nur wird hier wie da improvisiert, beide basieren auch auf Blue Notes.

Wenigstens in dieser Aufwärmphase versuchte Nils Landgren, den Jazz davor zu bewahren, im gestelzten Kulturestablishment seinen Esprit einzubüßen. Ein Glück: Landgren spielt nicht nur Posaune, er spielt auch Pausenclown. Hier eine Pointe, dort ein Gag, man wollte ihn gar nicht mehr gehen lassen.

Dann ging alles ein bisschen zu schnell. Gleich am zweiten der fünf Konzertabende traten die beiden wichtigsten Musiker des Festivals an, und das direkt hintereinander: Erst das Trio des schwedischen Starpianisten Esbjörn Svensson, dann Max Roach, einer der drei größten Schlagzeuger der Jazzgeschichte. Als ob das nicht schon zuviel für einen Abend wäre, spielte davor auch noch die aufreibende Big Band des Norwegers Geir Lysne. Zu leiden hatte unter darunter vor allem Max Roach. Der Auftritt des 77-Jährigen geriet zum Streitpunkt des Festivals, manche nannten ihn einen Skandal. Roach, der vor fast 60 Jahren zu den Erfindern des Bebop gehörte, kam mit dem ungewöhnlichen Beijing Trio: Eine Dreiviertelstunde am Stück webte der kalifornische Pianist Jon Jang einen flimmernden Klangteppich, in den die Chinesin Jiebing Chen mit ihrer zweisaitigen Erhu, einer Art Violine, hauchdünne Fäden einflocht. Ab und zu spielte auch Max Roach. Keine durchgehenden Rhythmen allerdings, sondern kleine Melodien. Trommel-Minimalismus. Bei den Zuhörern fand das wenig Resonanz, einer nach dem anderen verließ den Saal. Als der Drummer zur Solo-Zugabe ansetzte, war das Haus der Festspiele bereits halb leer. Dabei war Roachs Spiel doch bemerkenswert: Das Singen auf den Drums, seit jeher ein wichtiges Element seines Stils, hat er selten so konzentriert eingesetzt.

Dass Roach älter aussah, als er ist, das hatte auch mit der atemberaubenden Leistung des Esbjörn Svensson Trios zu tun. Svensson warf seine Finger über die Tasten, tanzte um den Klavierstuhl, vereinte Lyrisches mit Ekstatischem. Das alles mit der Gewissheit, für diese Welt eine Spur zu sexy zu sein - stimmt natürlich auch.

Das hätte der Schlusspunkt sein sollen. Doch es folgten an den nächsten drei Tagen 26 Gruppen. Und es passierte nicht mehr allzu viel. In der neuen Reihe für Soloklavier im Stilwerk - an sich eine glänzende Idee - spielte der Schwede Bobo Stenson seine Zuhörer in den Schlaf. Sein deutscher Kollege Jens Thomas machte es besser. Er erreichte mit einfachsten Harmonien größte Intensität. Wirklich bedenklich aber war der Auftritt von Karin Krog. Warum beließ sie es nicht dabei, Standards zu singen? Die klangen nett, wenn auch zu dürftig für die Prime Time am Samstag. Doch Krog reichte es nicht, Norwegerin zu sein, sie wollte auch norwegisch klingen. Also übernahm sie eine Melodie nordischer Rinderhirtinnen. Mit Weihnachtsglöckchen in der Hand und elektronischem Stimmenhall. Skandinavien-Kitsch war das, reproduzierte Klangklischees, mit denen sie selbst nichts anzufangen wusste.

Das warf die Frage auf nach dem vermeintlich nordischen Klang. Das Jazzfest gab die Antwort: Es gibt ihn gar nicht, es gibt lediglich einen "ECM-Sound". Nur die Künstler des Münchner Labels setzten auf sphärische Stimmungen. Und drückten damit weniger die Ästhethik Skandinaviens aus, als vielmehr die ihrer Plattenfirma.

Es gab aber auch Entdeckungen zu machen: Die Norrbotten Big Band unter der Leitung von Tim Hagans knallte ihren Blechklang gegen die Decke, unterstützt von der großartigen Sängerin Lindha Svantesson, die ihre Stimme in eine kreischende Trompete verwandelte. Und dem schwedischen Trompeter Goran Kafjes gelang im Tränenpalast mit seinem Sextett die kurzweiligste Verbindung aus Dance-Beats und Jazz. Insgesamt aber hatte man Ungewöhnlicheres erwartet vom skandinavischen Jazz. Und auch wenn die Berliner Festspiele einen Besucherzuwachs von 20 Prozent melden: Man sollte weniger Bands engagieren. Das nähme den Konzerten die Hektik und würde vielleicht musikalische Leerläufe vermeiden.

Immerhin, es passierte doch noch etwas, ganz am Ende, als niemand mehr damit gerechnet hatte. Es war das allerletzte Konzert, Sonntagnacht um halb zwei, das Quasimodo tobte. Auf der Bühne stand Roy Hargrove, ein Amerikaner, ausgerechnet. Bittere Ironie, hätte er nicht den famosen Nils Landgren zur Session auf die Bühne geholt.

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