Kultur : Sprint und Spiele

Kultur, vorolympisch: In Athen zeigt die Ausstellung „Outlook“ internationale Gegenwartskunst

Bernhard Schulz

Die Kunst ist bisweilen schneller. Während gerade einmal die ersten Bögen der von Santiago Calatrava entworfenen Bedachung für das Athener Olympiastadion aufgerichtet werden, präsentiert sich die Kunst mit der Ausstellung „Outlook“ bereits in olympischer Bestform. Finanziert im Rahmen des bereits 2001 begonnenen Kulturprogramms zu den Olympischen Spielen des kommenden Jahres, stößt Christos Joachimides seiner Heimat ein Fenster zur internationalen Kunst auf. Es bleibt bis Ende Januar geöffnet – und lässt bis dahin womöglich so viel frischen Wind herein, dass Athen danach nicht wieder in die alte Bewegungsstarre zurückfällt.

85 Künstler aus aller Welt zeigen rund 200 Arbeiten, die Hälfte davon für die Ausstellung entstanden und teils überhaupt in situ verfertigt. Joachimides, gebürtiger Grieche und jahrzehntelanger Wahlberliner, ist bekannt für Großausstellungen mit prägenden Titeln wie „Zeitgeist“ oder „Metropolis“. Da gaben sich jeweils die Weltstars der Kunst ein Stelldichein, darunter sein Landsmann Jannis Kounellis.

Der Meister der im Wesentlichen italienisch geprägten Arte povera ist natürlich auch diesmal dabei, allerdings – die Zeit bleibt nicht stehen – unter der Ehrenrubrik der „Bezugspersonen“. Zu ihnen zählt Joachimides auch den Ahnvater aller Videokunst, den Amerikaner Bruce Nauman, den Ironiker Sigmar Polke und natürlich auch den längst verstorbenen Joseph Beuys, dessen zentrales Lehrstück „Richtkräfte“ die Berliner Nationalgalerie hergeliehen hat. Die Altmeister bilden den Bezugsrahmen, innerhalb dessen die Leistungen der nachfolgenden Generationen zu messen sind.

Man kann „Outlook“ also von zwei Seiten sehen. Die eine wäre, wieder nur den internationalen Kunst-Reise-Zirkus zu bemerken, der Zwischenstation macht, wo das Geld fließt, und sei es diesmal für Athen. Man kann aber auch von der anderen Seite her blicken, derjenigen, die unter „Outlook“ wortwörtlich den Ausblick nach draußen versteht, als Öffnung für das, was in der globalisierten Kunstwelt vor sich geht, und zugleich als Selbstbefragung, was die griechische Gegenwart dazu beizutragen hätte.

Bemerkenswerterweise herrscht in Athen, allem Klatsch und Tratsch zum Trotz, Einigkeit darüber, dass mit „Outlook“ – wie immer im Einzelnen die Auswahl an Künstlern und Werken beurteilt wird – ein Riesenschritt in die Gegenwart hinein getan worden ist. Das hat nicht zuletzt mit den drei Ausstellungsorten zu tun, auf die die Kunst verteilt ist. Sie geben ein wunderbares Symbolbild ab für die kulturelle Lage Athens zwischen Lethargie und Aufbruch. Ein ehemaliges Gaswerk, ein aus einem Autohaus hervorgegangener Museumsannex und eine gleichfalls in einer umgewidmeten Fabrikanlage werkelnde Kunsthochschule: Das sind die drei Orte, die zudem im Abstand weniger Kilometer an der unglaublich hässlichen, abgasgesättigten Ausfallstraße von Athen nach Piräus liegen, jener einstmals wichtigsten Straße des antiken Athen. Heutzutage verbindet sie nicht länger zwei Städte, sondern durchschneidet schurgerade einen suburbanen Brei aus Werkstätten, Einkaufszentren, Parkplätzen, halb fertigen oder bereits wieder verfallenden Gebäuden. Zugleich hat dieser urban sprawl seinen eigenen, spröden Charme, der erst zu Bewusstsein kommt im Gegenbild, das die Kunst aufrichtet. Sie bildet eine Oase im Getriebe – keine Oase des schönen Scheins, sondern durchaus sperrig oder zumindest unverständlich; eine andere, neue „Aussicht“ eben.

Das ehemalige Gaswerk, seit zehn Jahren für kulturelle Zwecke genutzt, bildet eine poetische Stadtlandschaft von Gasometern und Schornsteinen. Jetzt akzentuieren Installationen wie eine Brücke von Tobias Rehberger oder ein Container des holländischen Ateliers Van Lieshout dieses Gewirr. Nikos Charalambidis – griechischer Zypriote des Jahrgangs 1964 – hat eine „Outlook Machine“ konstruiert, einen auf einem Hubwagen nach oben fahrenden Gitterkäfig von der Dimension der US-Gefangenenzellen für die Taliban in Guantanamo: Ist der Hubarm ausgefahren, erblickt der Besucher-Insasse in der Ferne die weiße Silhouette der Akropolis als unerreichbares Versprechen. Im Inneren des Gaswerks hat der 67-jährige Kounellis eine Installation mit seinen bevorzugten Materialien Stahl und Kohle geschaffen, die vor den ausgeweideten Gasöfen ihre ganze Wucht entfalten. Darüber spannen sich – wiederum ein Freiheitssymbol – abgewetzte Segel, wie sie der Künstler bei Fischern seiner italienischen Wahlheimat ersteht.

Es sind die griechischen Künstler, die innerhalb des „Outlook“-Ensembles Furore machen – nicht, weil sie die Karte des Exotischen spielen, auf die manche Ausstellungen setzen. Sondern im Gegenteil: weil sie sich im Kontext der internationalen Kunst als kraftvolle Einzelgänger erweisen, erhaben über jeden Sympathiebonus. Da ist der Maler Apostolos Georgiou (51), der rätselhafte Figurationen in raffiniert beiläufiger Malweise und müde-pastellenen Farben auf die Leinwand bannt – ein Maler, der es ohne weiteres mit dem Leipziger Senkrechtstarter Neo Rauch aufnehmen kann (nur leider nicht im selben Gebäude gezeigt wird). Oder der versponnene Thanassis Totsikas (52), der sich buchstäblich im grünen Dschungel seiner exquisit fotografierten Bilderzählung verliert. Apropos Fotografie: Ihr räumt Joachimides nicht den überragenden Platz ein, den sie in den letzten Jahren im Kunstgeschehen erobert hat. Doch in der konzentrierten Fotografieabteilung fallen die jüngeren Nikos Markou und Panos Kokkinias mit ihren zugleich sachlichen wie das Surreale streifenden Arbeiten ins Auge.

In Athen ist die Sorge groß, dass der Impuls dieser ersten Großausstellung in der griechischen Hauptstadt unter der stets beklagten Trägheit der Bürokratie verlöschen könnte. Die erhoffte Revitalisierung der Piräus-Straße als einer urbanen Kraftlinie kann nur gelingen, wenn die für „Outlook“ hastig, aber immerhin hergerichteten Ausstellungsbauten weiter mit Leben erfüllt werden. Das wird institutionell am ehesten von dem künftigen Annex des (kulturhistorischen) Benaki-Museums zu erwarten sein. Doch gerade die rechteckige Halle neben der Kunstschule, 2000 Quadratmeter groß und ideal proportioniert, ruft nach beständiger Nutzung.

Es gibt in Athen, anders als der Mangel an einem funktionierenden Museum der Gegenwartskunst befürchten ließe, eine vitale Kunstszene – und die für eine Kunstblüte unentbehrlichen Vermittler. Es gibt zahlreiche Sammler, deren Horizont weit über die Dunstglocke der smoggeplagten Hauptstadt hinausreicht, doch ihnen fehlt ein Forum, ja überhaupt der Anreiz zur Präsentation. Großsammler Dakis Ioannou, der sich vorwiegend amerikanischer Kunst widmet und vielen Sammlern Vorbild ist, will seine gigantische Kollektion parallel zu den Olympischen Spielen in einer eigenen Halle vorführen.

Da sind zum anderen die Galerien, deren avancierteste sich soeben das geschäftige Altstadtviertel Psirri erobern. Pandelis Arapinis, ein Doyen der Galeristen, spricht von „Furcht und Hoffnung“, die sich in der kulturellen Öffentlichkeit Athens mit „Outlook“ verbinden: der Furcht, abseits zu stehen, und der Hoffnung, einbezogen zu werden.

Bislang, so ist aus allen Gesprächen herauszuhören, mangelt es in der kulturell interessierten Öffentlichkeit an verlässlichen Maßstäben für die Gegenwartskunst, die einheimische wie die ausländische. Weltmann Joachimides denkt zwar nicht in solchen geografischen Kategorien. Und so sieht sein dreiteiliger „Outlook“ dann auch aus – international und ohne jeden Lokalbonus. Aber gerade deshalb gestattet die Ausstellung, die griechische Gegenwartskunst auf einer Ebene mit dem weltweiten Geschehen zu beurteilen. Was für Athen einen dringend benötigten Ausblick bedeutet, gewährt dem auswärtigen Besucher einen erhellenden Einblick.

Athen, Piräus-Straße 100, 138 und 256, bis 25. Januar, Katalog (griechisch o. engl.) 40 €.

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