Kultur : Sprung in die Tiefe

Wiederentdeckt: Das FORUM präsentiert drei Melodramen des Japaners Kawashima Yuzo.

Helmut Merker
Undurchschaubar. Szene aus „Suzaki Paradise: Red Light“Foto: Shochiku Co., Ltd.
Undurchschaubar. Szene aus „Suzaki Paradise: Red Light“Foto: Shochiku Co., Ltd.

Düster: Ein Mann irrt auf der Suche nach seiner Frau durch die regnerische Nacht. Am nächsten Tag bricht er auf einem leeren Platz zusammen.

Schrill: Zwei Frauen geraten sich im Streit darum, wer hübscher ist, in die Haare, Zuschauer greifen munter mit ins Geschehen ein, Geschrei und Getümmel füllt das ganze Haus.

Stürmisch: Eine Frau und ein Mann laufen am Meer entlang, Nahaufnahmen ihrer erregten Gesichter wechseln mit Totalen der wilden Kulisse. Hohe Wellen, tiefe Wolken, dazu anschwellende Musik und ihre dramatische Frage: „Liebst du die andere?“

Drei Szenen aus Filmen des japanischen Regisseurs Kawashima Yuzo (1918 - 1963), der wie Ozu und Mizoguchi beim Studio Shochiku begann. Von seinen insgesamt 40 Filmen entstanden die drei, die das Forum zeigt, in den Jahren 1954 bis 1957. In „Suzaki Paradise: Red Light“ kommt ein junges Paar in Tokio mit dem Bus an der Brücke an, die das Amüsierviertel und die bürgerlichen Bezirke trennt und verbindet. Bei der Suche nach Arbeit verlieren sie sich aus den Augen. Die verwinkelten Ansichten der Stadt mit harten Licht-Schatten-Kontrasten, die „Paradise“-Bars und Spelunken als Orte der Verheißung und des Chaos zeigen den Protagonisten in Zusammenhänge verstrickt, die er nicht beherrscht und nicht durchschaut. Wenn das Paar wieder vereint ist und mit dem Bus von der Brücke abfährt, ist das wie eine Flucht ohne Ausweg: ein Melodram Noir.

„The Sun in the Last Days of the Shogunate“ spielt 1862 im Rotlichtbezirk, wobei man sich das rote Licht dazudenken muss, denn alle drei Filme sind in Schwarzweiß. 100 Bordelle mit 1000 Prostituierten werden registriert, da geht es nicht nur immer wieder zwischen den Damen hoch her. Alle Beteiligten agieren nach dem Motto: Je lauter der Streit, desto exzessiver die anschließenden Trinkgelage. Das macht sich vor allem der Obergauner namens „Trickster“ zunutze, der überall Verwirrung stiftet, jeden gegen jeden ausspielt und alle Handlungsfäden an den falschen Enden verknüpft. Da gerät selbst eine Verschwörergruppe von Samurais in Bedrängnis, die alles daransetzt, die Ausländer aus dem Land zu vertreiben. Eine historische Burleske im Commedia-dell’Arte-Gewand.

Mit seinem Tempo, seinen Bildeinfällen und seiner Figurenkonstellation ist „Between Yesterday and Tomorrow“ das interessanteste Werk. Der erfolgreiche Kaitaro macht am Telefon klar, dass er sein Leben ändern, seinen Job aufgeben und seine Freundin verlassen werde. Auf einer Schiffsreise lernt er eine Dame kennen, die er bald auf einem himmelhohen Felsen vor dem Sprung in den Abgrund rettet. Fortan hat er es mit zwei Frauen zu tun: die unglücklich verheiratete Tohko sieht in ihrem Retter die Chance auf ein neues Leben, und die burschikose Reiko lässt sich keineswegs so leicht den Laufpass geben. Die eine steht für die Tradition, die andere für die Moderne.

Tohko erinnert sich in ihrem Haus, in dem sie sich wie im Gefängnis fühlt, an einen Vers aus „Madame Butterfly“: „Ich spüre, dass wir an einem Sonnentag einst uns wiedersehen.“ Reiko hingegen sitzt in großer Pose auf dem Divan und zitiert aus einem US Film: „Oh Darling, liebe mich nur noch einmal!“ Die Schwäche der Frauen ist die Stärke ihrer Liebe, während der Mann der Gegenwart ausweicht und für die Zukunft ganz andere Abenteuer im Sinn hat. Aber bis dahin entwickelt sich nichts so, wie man es vorherzusehen glaubt, einer Wende folgt die nächste, und lange weiß man nicht, ob die Liebe siegt oder ob alles vergebliche Liebesmüh’ gewesen ist. Helmut Merker

11.- 13.2. (Arsenal 1); 17.-19.2. (Delphi)

Rotlichtviertel, Trinkgelage,

anschwellende Musik –

und ein bisschen Burleske

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