Kultur : Spur der Steine

Ulrich Rückriem bringt die Neue Nationalgalerie und die Galerie Nordenhake zum Schweigen

Ulrich Clewing

Die Neue Nationalgalerie nach dem MoMA: Es ist die Zeit der Ruhe, der Besinnung und der Stille. Und so passiert es im Moment öfter einmal, dass Besucher das Museum betreten, sich kurz umschauen und dann fragen, wann denn die nächste Ausstellung sei. Dabei stehen sie schon mittendrin. Die Reaktionen auf die vermeintliche Leere fallen höchst unterschiedlich aus: Ein junger Japaner hat sich auf den Boden gesetzt. An der Garderobe lehnt eine Frau und lässt gedankenverloren den Blick schweifen. Ein Pärchen fotografiert abwechselnd mal sich, mal die Architektur – sie alle bleiben länger, als sie es eigentlich vorhatten.

Nach dem Spektakel der vergangenen Monate hat Ulrich Rückriem dem Mies-van-der-Rohe-Bau etwas zurückgegeben, was auch zur Kunst gehört, in den letzten Monaten aber abhanden zu kommen drohte: das Innehalten. Die raumfüllende, den Raum sanft beherrschende Arbeit, die Rückriem vor einigen Jahren für die Neue Nationalgalerie entworfen hat, besteht aus rund 30 flachen Granitblöcken, welche in Länge und Breite exakt den Bodenplatten entsprechen. Diese Akkuratesse wird nur gebrochen durch die unebenen Oberflächen der Steine. So werden die in der Eingangshalle verteilten Granitplatten auf dem hochglanzpolierten Fußboden zu Inseln im Steinmeer, zu Miniatur-Gebirgen in der Ebene, zu Topografien, Urbildern und Mineraliengemälden.

Wie wichtig die Beschaffenheit des Steins, seine Färbung, Maserung und die Spuren der Verwitterung für den 1938 in Düsseldorf geborenen Ulrich Rückriem sind, das lässt sich gegenwärtig auch einen Kilometer Luftlinie weiter östlich in der Galerie Nordenhake besichtigen. Dort sind fünf große Steinskulpturen ausgestellt, die schlicht „Wandrelief“ oder „Wallpiece“ heißen. Genau ist die Bezeichnung des Steins angegeben, etwa „Schremser Granit“ (35000 Euro) oder „Granit Bleu de Vire“ (je 90000 Euro). Aufschluss über die spezifischen Merkmale der einzelnen Werke geben auch die Angaben zur künstlerischen Technik, wie zum Beispiel das an einen Eingang zu einem antiken Mausoleum erinnernde Relief „gespalten, geschnitten und geschnitten“.

Wie schon in der Nationalgalerie erweist sich Rückriem als Meister eines monumentalen Minimalismus, der durch eine in der Kunst sehr seltene Eigenschaft charakterisiert werden kann. Denn die Monumentalität, die da zu Tage tritt, ist die Monumentalität der Natur, nicht die der künstlerischen Absicht. Bei Rückriem dürfen die Steine sein, was sie sind: schwer, roh, von Korrosionen gezeichnet, von Quarzadern durchzogen.

Die Eingriffe von Menschenhand sind bei Rückriem aufs Nötigste beschränkt. Manchmal werden die Quader nur in verschiedene Teile zerbrochen, wobei allein die Bohr- und Stemmlöcher Hinweise auf die Bearbeitung geben. Ein anderes Mal schneidet Rückriem einen Quader in zwei Hälften und schlägt bei einer davon die Kanten ab, während er die zweite unbehandelt lässt. Die Verbindung zwischen den beiden Hälften ist das Gewicht der oberen, die auf der unteren lastet – und der Verlauf der markanten weißen Steinadern. Und wenn der Bildhauer dem Material einmal eine etwas umfangreichere Bearbeitung zugedenkt, dann beschränkt sich dies auf Schnitte und Schlitze, die so dünn sind, dass man eigentlich von Linien sprechen muss und nicht von Volumen. Das alles verleiht Rückriems Werken eine geradezu archaische Aura. Zeit, so scheint es, spielt hier keine Rolle.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, bis 27. Februar; Di, Mi, Fr 10–18 Uhr, Do bis 22 Uhr, Sa, So 11–18 Uhr.

Galerie Nordenhake, Zimmerstraße 88-91, bis 27. November; Di bis So 11–18 Uhr.

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