Kultur : Spuren des Gewissens

Vierzig Jahre danach: Die Ausstellung „4Ks 2/63“ setzt dem Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main ein Denkmal

Ruth Fühner

Was wusste die bundesdeutsche Öffentlichkeit Anfang der Sechzigerjahre über Auschwitz? Anscheinend genug, um nicht mehr darüber wissen zu wollen. 1963 plädierten 54 Prozent der Befragten in einer Meinungsumfrage vor Beginn des Frankfurter Prozesses gegen 24 Verantwortliche für den größten Massenmord der Geschichte dafür, die Täter „nach so langer Zeit“ nicht mehr zu behelligen. Konzentrationslager – mit diesem Begriff aus dem Wörterbuch des Unmenschen verbanden sich damals vor allem die Namen Dachau und Buchenwald. Dass es sich bei der Vernichtungsmaschine Auschwitz um eine vollkommen andere, bis dahin undenkbare Verbrechensdimension handelte, brachte erst der Frankfurter Prozess, bei dem 359 Zeugen aus 19 Ländern aussagten, in vollem Umfang ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.

Vierzig Jahre danach befasst sich erstmals eine Ausstellung mit dem bis dahin nur mit den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen und dem Eichmann-Prozess in Jerusalem in der Dimension vergleichbaren Gerichtsverfahren: mit seiner Wirkungsgeschichte und den Spiegelungen in der zeitgenössischen Kunst – am Ort des Gerichtes selbst. Das Bürgerhaus im Arbeiterviertel Gallus war im März 1964 gerade fertiggestellt. So nüchtern wie die Mehrzweckarchitektur des Betonklotzes ist auch die Ausstellung mit dem Aktenzeichen-Titel „4 Ks 2/63“ des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts – aber weitaus beeindruckender. Das erzielt sie durch Akribie und leise Denkanstöße, obwohl eine Pressemeldung, die ungeschickt von einem „Erlebnisparcours“ schwadronierte, Befürchtungen ausgelöst hatte, hier würde Auschwitz zum Event verharmlost.

Im Großen Saal – eine Zeichnung vergegenwärtigt Raumaufteilung und Sitzanordnung von damals – herrscht diskretes Stimmengewirr. Tonbandmitschnitte aus dem Prozess tönen aus sechs Kabinen, die je einen von sechs repräsentativ ausgewählten Angeklagten vorstellen. Da ist zunächst viel Kleingedrucktes – Biografien, Zeugenaussagen, Ausschnitte aus dem Urteil. Man hört, verhalten aber selbstbewusst, die Stimmen des erfindungsreichen Folterers Boger, des brutalen Schlägers Kaduk, des Menschenexperimentators Capesius – und das aggressive Bellen der Verteidiger. Und man hört, wie die Zeugen um Fassung ringen, nur stockend den Weg finden in die quälende Erinnerung. Ihre Gesichter beherrschen eine Längswand des Saals: eine Hommage an jene Frauen und Männer, deren Mut und Selbstüberwindung die Wahrheit über Auschwitz an die Öffentlichkeit brachte. Die Zeugenaussagen waren die Garanten für das eigentliche Anliegen des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer: nicht nur die Täter zur Verantwortung zu ziehen, sondern das Ungeheuerliche an Auschwitz so vor aller Augen zu führen, dass es nicht mehr wegzuleugnen war. „Gerichtstag halten über uns selbst“, nannte Bauer das.

Eine in den Raum gebaute Schräge, die, ungewollt und deshalb umso problematischer, an die „ Rampe“ in Auschwitz erinnert, führt auf die Bühne, wo eine Installation den irritierenden Alltag von Auschwitz heute irritierend verlängert: Joachim Seinfeld hat Besucher der Gedenkstätte beim Knipsen von Souvenierbildern fotografiert – und gibt den Besuchern der Ausstellung Gelegenheit, sich ihrerseits unter dem Schriftzug „Arbeit macht frei“ ablichten zu lassen. Ähnlich nachdenklich präsentieren sich die meisten der zwölf künstlerischen Positionen, die in die historische Dokumentation integriert sind. Zum Beispiel „Floating Archive“, zwei den Tätern und den Zeugen gewidmete Aktenschränke des Italieners Loris Cecchini. Die Ordner tragen Fotos auf dem Rücken, doch die Schränke sind so mit einer spiegelnden Folie verkleidet, dass die Porträts sich dem Blick entziehen, je näher man ihnen kommt. Ein eindrucksvolles Bild für die Schwierigkeiten historischer Vergegenwärtigung – aber was hat es zu bedeuten, dass die Mörder und ihre überlebenden Opfer zwar getrennt und doch gleich behandelt werden?

Im ersten Stock hat die kubanische Documenta-Teilnehmerin Tania Bruguera eine Kabine eingerichtet, in der Gewissenserforschung und -taubheit in Bezug gesetzt werden: Betritt man sie einzeln, wird man aufgefordert, in ein Mikrofon zu sprechen zum Thema Schicksal und Verantwortung. Doch im Saal unten sind statt der eigenen Sätze welche aus den Plädoyers der Angeklagten zu hören. Die künstlerische Verstörung funktioniert leise, ohne auftrumpfenden Tabubruch. Die zentrale Provokation der Ausstellung, so der künstlerische Kurator Enno Vroonen, bleibt unmissverständlich Auschwitz selbst.

Wie die intellektuelle Öffentlichkeit der Sechzigerjahre auf diese Provokation reagierte, zeigt „4 Ks 2/63“ anhand zahlreicher Originaldokumente. Darunter findet sich auch eins der Notizbücher des FAZ-Gerichtsreporters Bernd Naumann, dessen beklemmende, engagierte Artikel neben den Radioberichten von Axel Eggebrecht dem Prozess während der Verhandlungszeit das größte Echo verschafft haben – die Buchausgabe von Naumanns Reportagen ist anlässlich der Ausstellung im Berliner Philo-Verlag neu erschienen. Als Entdeckung wertet Kurator Marcel Atze die Tatsache, dass auch Hannah Arendt den Prozess in Frankfurt verfolgte – und mit dem Fernsehreporter Thilo Koch an der Dokumentation „Bleiben die Mörder unter uns?“ arbeitete. Auch im Werk von Grass, Celan, Kaschnitz, Andersch oder Walser verfolgt die Ausstellung die Prozesspuren, und Peter Weiss, der aus den Aussagen die elf Gesänge seines Auschwitz-Oratoriums „Die Ermittlung“ komponierte, ist ein eigener Raum gewidmet.

Zwanzig Monate dauerte das Verfahren. Zwanzig Monate, die die Welt lehrten, dass es für ungeheuerliche Verbrechen keiner Ungeheuer bedarf. Das blieb nicht ohne Wirkung. Nach der Urteilsverkündung am 19. August 1965 plädierten immerhin nur noch 33 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung für den „Schlussstrich“.

Haus Gallus, Frankfurt am Main, bis 23. Mai ;

Katalog (Snoeck-Verlag, Köln) 49,80 Euro.

Friedrich-Martin Balzer und Werner Renz (Hg.): „Urteil im Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963-1965)“, Pahl-Rugenstein-Verlag , Köln, 39,90 Euro.

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